Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 141 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3126481-3126558-3126565--1477-3128292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o v 0 o Ar. Frlir Freudenthal: Neutschland ohne Juden 141 da geistige Irifektionsheerde zu gründen. Fromme Heuchler, trügerische ^yperpatrioten und rückständige Bodenheilige mit überwiegenden s)ortemonnaieinteressen waren es zumeist, die sich in Verfolgung Andersgläubiger nicht genug tun konnten. In niedriger, pöbelhafter Form greifen sie zunächst die Gestalt, die äußere Erscheinung der Juden an, die so wesentlich vom germanischen Typus abweichen soll. Und schon hierbei setzen sie sich in Zwiespalt mit dem von ihnen angeblich hochgehaltenen Gottesglauben. Denn jedes bibelfeste Kirchenlicht muß doch notwendig davon ausgehen, daß wir Menschen, nach des höchsten Ebenbild geschaffen sind und daß die Gnade und Güte des Herrn nicht eine Rasse gegen die andere zurücksetzt. Nebenbei ist Schönheit und Ebenmaß im wesentlichen Geschmackssache, lvas Millionen für häßlich und lächerlich ansehen, wird von anderen Millionen ganz entgegengesetzt beurteilt. Statt mit banalen und in ihrer Allgemeinheit durchaus unzutreffenden Agitationsphrasen auf die Dörfer zu ziehen/ sollten jene Hetzapostel einmal großstädtische Synagogen und . sonstige jüdische Andachtsstätten besuchen. Sie würden staunen, wieviele von diesen als fremdartig angefeindeten Männern und Frauen an Augen, Haar, Antlitz, Gestalt den reinblütigsten Germanen gleichen. Haben doch Klima, Mischehen, Assimilationen und Lebensgewohnheiten aller Art dazu beigetragen, bei einem beträchtlichen Teil israelitischer Männer und Frauen den orientalischen Typus zu verändern und zu verwischen, sodaß erst eine sehr eingehende Prüfung sie mit dem ,,Odium", keine Arier zu sein, belasten kann. Als weiterer Grund für die Ausweisung wird die fortschrittlich freiheitslüsterne Gesinnung des „Gastvolks" von den Generalpächtern echter Königstreue ins Feld geführt. Der Anschluß an die liberale Partei ist aber eine ganz natürliche Folge der Entwicklung. So lange ein Staat einen Teil seiner Angehörigen weit schlimmer denn als Stiefkinder behandelt, so lange er ihn bei Besetzung obrigkeitlicher Stellen der Verwaltung und des Heeres geflissentlich übergeht, so lange hohe und höchste Autoritäten in den Bekennern der mosaischen Religion nur hergelaufene Schutzjuden, Helfer in Geldnöten und bestenfalls Ratgeber bei Finanzoperationen erblicken, im übrigen sie als Marias und minderwertige Auchdeutsche verachten, so lange kann sich auch keine rückhaltlose und bedenkenfreie Liebe zu dem mit ungleichem Maß messenden Staat einstellen. Darum haben sich vor vielen Iahrj zehnten unsere mißhandelten und mit Füßen getretenen Ahnen folgerichtig denen angeschlossen, die selbst zurückgesetzt und ausgebeutet Freiheit und Gleichberechtigung zu erringen strebten. Besaß doch der gemeine Mann weit mehr Verständnis und Sympathie in Bezug auf die ihres Glaubens wegen Bedrängten als die vornehmen Verfechter des j)anteutonentums. Ist es doch eigentlich ganz selbstverständlich, daß wenn der Staat eine Gruppe seiner Angehörigen bevorzugt, ihn mit Ehren, Auszeichnungen, Sinekuren beschenkt, eine andere Gruppe dagegen nur an den Lasten teilnehmen läßt, und ihre Mitglieder sogar an der Betätigung ihrer Talente absichtlich hindert, Zuneigung und Abneigung wie in einem Barometer dort steigen, hier sinken muß. Man bringe einmal jene Leute, die sich als die Zionswächter von Thron und Altar aufspielen, in die' Lage der Zurückgesetzten und Mißachteten, man setze ihnen statt der goldenen Schüssel voller Privilegien und Bevorzugungen, einen irdenen Topf mit Pflichten und aussichtsloser Durchschnittstätigkeit vor, da sollte sich bald zeigen, ob der Patriotismus mancher Offiziers- und Regierungsaspiranten wirklich echt ist, ob der