Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1913-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1913) · p. Seite 133

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 133 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126558-3126565--1469-3128284
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

°o Ar. Fritz Machsner: Zur Urrdrsserung des jüdischen Kriigisnsnnterrichts 133 richt kann dem drohenden verfall unseres Glaubens Einhalt tun, d. h. ein in unserem Sinne positiver Unterricht, der auf historischer Grundlage fest aufgebaut, ohne alle kleinlichen Rücksichten die Empfindungen der Gegenwart in den Vordergrund stellt und aus jedem Fortschritte unserer Erkenntnis Nutzen zu ziehen versteht. Daß die Ausgestaltung unseres Religionsunterrichtes nach diesen Grundsätzen ohne allzugroße Schwierigkeiten möglich ist, hoffen wir in diesen Aufsätzen Nachweisen zu können. wir werden uns nicht mit einer an sich fruchtlosen Rritik der bestehenden Zustände begnügen, sondern im Anschluß an jedes Problem, das wir behandeln, die Mittel und Wege angeben, auf denen wir unserem Ziele näher zu kommen hoffen. h Religionsunterricht und Schule. Die religiöse Unterweisung der jüdischen Jugend kann auf dreierlei Art geschehen: Zn der Form des privaten Einzelunterrichtes, als Unterricht in einer besondern Religionsschule, als Religionsunterricht in der öffentlichen Schule. Es läßt sich rächt leugnen, daß ein von einem mit den nötigen Kenntnissen und Fertigkeiten ausgestatteten Lehrer erteilter Einzelunterricht gewisse Vorzüge aufweist. So hat z. B. der Lehrer die Möglichkeit, sich ganz dein Schüler zu widmen, was für die religiöse Beeinflussung gewiß nicht unwichtig ist. Auf der anderen Seite nimmt inan aber auch eine ganze Reihe von Nachteilen in Kauf. Schon der Kostenpunkt macht diesen weg nur für begüterte Eltern gangbar. Sodann aber bedeutet ein solcher Privatunterricht für die Kinder eine unzulässige Beanspruchung ihrer freien Zeit, wenn die Kinder am Vormittag in der Schule gesessen haben, brauchen sie die Nachmittage unbedingt zu ihrer körperlichen und geistigen Erholung. Tatsächlich gehen sie an einen solchen Unterricht gewöhnlich mit einem gewissen Widerwillen heran, sie sind nicht in der Lage, dem Lehrer einiges Interesse entgegenzubringen, und ein solcher Zwangsunterricht bleibt in religiöser Beziehung meist fruchtlos. Nicht viel besser steht es mit den in größeren Gemeinden eingerichteten Religionsschulen. Nur einen Vorzug können wir an ihnen ausfindig machen: Infolge der geringeren Kosten stellen sie sich auch. dem ärmeren Publikum zur Verfügung. Die unzulässige Belastung der Kinder tritt bei ihnen noch mehr in Erscheinung, als beim Privatunterricht. Den Kindern womöglich, wie es vielerorts üblich ist, ihren Sonntag zu rauben, muß vom pädagogischen Standpunkte aus geradezu als Unfug bezeichnet werden. „Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebenten sollst du ruhen," sagt die Bibel. Daß aber ein schulmäßiger Religionsunterricht der Ruhe gleichzusetzen ist, das wird niemand behaupten wollen, wie wenig unsere Religionsschulen selbst bei einer sehr großen Stundenzahl und relativ gutem Lehrermaterial leisten, das kann nur der beurteilen, der den Betrieb aus eigener Anschauung kennt. In buntem Durcheinander sitzen neben Volksschülern, die oft noch nicht einmal die deutsche Sprache beherrschen, Schüler der höheren Schulen realistischer und humanistischer Richtung. Der Lehrer weiß nicht, was er bei den einzelnen Schülern an allgemeinen Kenntnissen voraussetzen kann, was er bietet, verstehen nur wenige, die Disziplin läßt bei der Inhomogenität der Klasse stets sehr zu wünschen übrig, eine religiöse Sämmung kann daher nie aufkommen. Die Religionsschulen sind nur geeignet, über das Wesen des Judentums in den Köpfen der Iugend heillose Verwirrung anzurichten und somit dem Vordringen des Indifferentismus Vorschub zu leisten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.