Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Hermann Wallach: Heber das Problem der hebräischen Gebetssprache o o o o lVeise den religiösen Besitzstand unserer Glaubensgemeinschaft in Haus, Synagoge und Schule zu sichten, zu klären und zu konsolidieren? Wer weiß, u > das hebräisch-sprachliche Sorgenkind (wie so manches andere synagogale Erbstück) in den religiösen Wirren der Gegenwart besser aufgehoben ist, ob bei denjenigen, die es in Verkennung seiner „weltfremden" Natur immer wieder ins profane Leben zerren, wo jeder ungebildete Laie, jeder nachplappernde Schüler sich des armen, unverstandenen Waisenkindes Herr und Meister nennen darf, oder bei denjenigen, die ihm sein fadenscheiniges Mäntelchen, sein altes Röckchen und seine langen Löckchen abnehmen möchten, damit es — geehrt und bewundert — an heiliger Stätte throne als heiliges Symbol des jüdischen Kultus. — „Man würde die frommen psalmendichter und Verfasser der talmuoischen und rabbinischen Gebete beleidigen, wenn man annähme, daß sie ihre tiefempfundenen Gebete zu unverstandenem Gemurmel und zur Erzeugung einer den Geist umnebelnden Stimmung verfaßt hätten." Zu einer profanation, wie zmn Mißbrauch hebräischer Gebete und Gesänge im Sinne der hier ausgesprochenen Befürchtung dürfte es m. E. doch nur dann kommen, wenn die psychologische Wirkung des jüdischen Gottesdienstes auf die breite Masse der Gemeindemitglieder überhaupt eine so intensive wäre. Dies ist jedoch im allgemeinen nicht der Fall. Hier ist noch unbeackerter Boden. — Zu einem „unverstandenen Gemurmel" hebräischer Gebete, zur Konservierung des Lipxenwerks werden wir eben um so weniger gelangen, je mehr wir uns dem gottesdienstlichen Schönheitsideale des modernen Judentums nähern, vor allem aber dadurch, daß das hebräische Gebet lediglich aus dem Munde der berufenen Diener der jüdischen Gottesverehrung vernommen werde. Dürften wir damit aber unsere wichtigsten Gebetstücke: das „Höre^ Israel!", das Achtzehngebet und dann das Kaddisch (die Eulogie der kindlichen Pietät) der Gemeinde und den: Einzelnen in deutscher Übersetzung darbieten? Gewiß, denn es ist auch wieder der Schulchan-aruch, der es erlaubt. — (Grach Thajim, Kap. 62 und 63 und Kap. \0(.) Solange wir nun die Thora in hebräischer Sprache verlesen, obschon niemand aus dem Publikum der Vorlesung inhaltlich zu folgen imstande ist, solange wird auch die hebräische Sprache als heiliges Idiom dazu berufen sein, nicht nur unserem Gottesdienst und Ritus das jüdisch-konfessionelle Kolorit zu geben, sondern sie wird in ihrer Translokation andrerseits auch dazu beitragen helfen, mit dem ihr eigenen religiösromantischen Zauber, (ohne den Geist des Zuhörers mystisch zu umnebeln) das bei vielen unserer Glaubensgenossen abhanden gekommene Gefühl der Ehrfurcht, des Anstandes und der frommen Scheu im Gotteshause anzuregen und neu zu beleben. Es sei mir noch die eine Frage gestattet: Haben jene, gottbegnadeten, frommen psalmendichter, jene talmudischen Weisen und rabbinischen Gebetsverfasser, haben sie ihre Psalmen und Gebete nicht in erster Linie für ihresgleichen und für den gebildeten Teil ihrer Landsleute verfaßt, oder haben sie dieselben auch für Kreti und pleti, für die breite Masse des ungebildeten Volks bestimmt? Das Letztere gilt mir als unwahrscheinlich, gleichwie ich beispielsweise auch nicht annehmen kann, daß Goethe seinen Faust und Richard- Wagner seinen parsifal und seine Götterdämmerung für Kinz und Kunz. geschrieben habe. Sollen aber unsere unmündigen Kinder da anfangen, wo die psalmisten, oder wo ein Esra, ein Iehuda Halevi, ein Gabirol, oder wo die Klassiker aufgehört haben? — Das hebräische Idiom selber — ein antiquiertes Wissensgebiet für Rabbiner, Kantoren und Lehrer — als tote Sprache (ähnlich