Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Wallach: Nebrr das Problem der hebräischen Grbetssprache 129 Mit dieser neuen, dem Befangenen allerdings seltsam erscheinenden Idee einer „Translokation" der hebräischen Sprache werden unsere liberalen Theologen aber wohl nicht einverstanden sein. Ihre Ansicht und Lehrmeinung geht im Gegenteil dahin, daß sie sagen: „So sehr auch der deutschen Muttersprache in unserem Gottesdienst der breiteste Raum gebührt, die hebräische Gebetssprache muß der Gemeinde, muß dem Publikum erhalten bleiben, und der Einzelne hat die Pflicht, sich zur lebendigen Anteilnahme am öffentlichen Kult durch Bekanntschaft mit der hebräischen Liturgie zu ertüchtigen." — „N ur s o vi el.h eb räi s ch, als b eid er besten Methode vom heutigen jüdischen Durchschnittsschüler gelernt werden kan n." — In dem Kampfe gegen Verbalismus und pädagogische Unnatur würden wir dieser goldenen Regel der hebräisch - religiösen Mechanik gern zustimmen, wenn der vorteil dabei nicht — wie seither — im Nachteil aufginge. Ts ergibt sich folgendes Bild: Die Last des verlangten hebräischen Pensums für unsere Volks- und Religionsschule ist auf ein Minimum herabgedrückt; der Riesenstoff der alten Tephillo ist zu einem Gebeiszwerge geworden und hält nun dem kleinsten religiösen Kraftmaße scheinbar die wage, doch siehe — nicht nur ohne jeden Gewinn an Zeit, (denn der Weg, d. h. die Zahl der auf Erreichung des Unterrichtszieles zu verwendenden Stunden, Tage und Jahre bleibt unverändert), sondern auch ohne merkliche Aussicht auf den Neugewinn der Lernlust bei Kindern indifferenter Eltern. — Unsere Religionsschüler sollen danach zur Einübung und Erlernung einiger weniger hebräischer Brocken genau so lange traktiert und gedrillt werden, wie das der Fall wäre, wenn sie orthodoxen Familien angehärten und alsdann das ganze herkömmliche Gebetbuch lesen und übersetzen müßten. Denn zwischen dem verlangten sprachtechnischen Können und dem verständnisvollen Beten in beiden Fällen — hier wie dort — besteht kein Unterschied. — Und nun erst die Methode, ja die beste Methode.... Gewiß ist es wie immer die Liebe, wie sie vorausgesetzt werden muß und wie sie Pestalozzi predigt, eines Gottesmannes Mofes Sanftmut und hirtentreue, eines hillel Geduld. — wo aber wie hier die religiöse Teilnahme so vieler Eltern versagt, wo kein Interesse reizt, wo keine Hoffnung auf Erfolg uns winkt: da ist das religiöse Erziehungswerk doch nichts anderes denn Danaidenarbeit, verlorene Liebesmüh', da ist — um mit Pestalozzi zu reden — alles nur „mühselige Abkehr von der Bahn der Natur." — Können wir es aber ändern? Können wir dem sausenden Rade der Zeit in die Speichen fallen? Wollen wir dem Ritter Don Quichote gleich einen sinnlosen Kampf gegen Windmühlenflügel führen? Können wir Lehrer es überwinden, daß man uns in Sachen der Religion — in den heiligsten Angelegenheiten des Menschenherzens — die Quälgeister der Jugend nennt? wollen wir nach orthodoxem Muster fortfahren, religiöse Zwangspädagogik zu üben, um die Totengräber des Judentums zu werden? haben weltliche Behörden nicht schon längst entschieden, daß das hebräische gar nicht als Pflichtfach des Religionsunterrichtes anzusehen sei? Und hat das Menschenherz im letzten Grunde nicht auch ein heiliges Recht auf sich selbst? wäre es angesichts dieser betrübenden Tatsache nicht besser, wenn unsere liberale Geistlichkeit ihre Zuflucht dazu nehmen wollte, die hebräische Sprache als obligatorisches Unterrichtsfach der jüdischen Schule, also als Gebetssprache der Gemeinde, aufzugeben und als heilige Kultsprache an die Synagoge zu überantworten, um auf diese