Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Mayer: Nie Stellung des modernen Judentums znm Gebet 127 betstücke ertragen, weil sie von den meisten lediglich als Unterlagen für die gewohnten Rezitativs und Melodien empfunden werden. Bei dem gesanglichen oder gesangsartigen Vortrag können auch ganz modern Denkende einstimmen und mitsingen, während sw sich an dem Zersägen im Sprechtone nicht beteiligen würden. Das Verhältnis ist ein ähnliches wie bei den Texten von Oratorien oder Arien, die gesungen unvergleichlich mehr Anklang finden, als wenn sie nur gesprochen würden. Gleiches gilt von dem Gebet als Mittel zur religiösen weihe des häuslichen Lebens. Ohr stellen sich die größten Schwierigkeiten entgegen, wenn dabei von den herkömmlichen hebräischen Gebeten und Gesängen abgesehen werden soll. Es ist.zwar denkbar, daß ein moderner Familienvater vor seinen jüngeren Rindern deutsche Gebete spricht oder singt, um erziehlich auf sie einzuwirken, nicht aber, daß er in einem Kreise, in dem nur Erwachsene sich befinden, dergleichen predigerhafte Tätigkeit entfaltet, wenn er nicht selbst Rabbiner oder Lehrer ist. Man wird deshalb entweder im wesentlichen die alten hebräischen Fo.rmeln für die Tischgebete (einschließlich des Kiddusch) und die andern häuslichen Benediktionen beibehalten oder auf derartige Gebetsverrichtung Erwachsener überhaupt verzichten müssen.. Es ist ganz vergeblich, zu verlangen und zu erwarten, daß der moderne Jude in seinem äußeren Gebaren sich wesentlich, von dem modernen Nichtjuden, dessen Bildung und Weltanschauung er teilt, unterscheide. So wenig wie dieser für ein priestermäßiges Auftreten in seinem Hause und an seinem Tische zu haben ist, wird es bei dem .gebildeten Juden unserer Zeit seltene Ausnahmen abgerechnet — der Fall sein. Aus dem Gesagten dürften sich für die zeitgemäße Gestaltung des öffentlichen Und häuslichen Gottesdienstes fortschrittlicher jüdischer Gemeinden folgende Richtlinien ergeben: \. Die nicht mit Gesang verbundenen hebräischen und deutschen Gebete sollen in einem und demselben Gottesdienst einen nicht zu breiten Raum einnehmen. Sie sind entweder vom Rabbiner vorzutragen oder der stillen Andacht vorzubehalten, häufige Abwechslung ist geboten. Die Gesamtzahl solcher Gebete kann und soll daher nach Bedarf vermehrt werden; die vom Rabbiner vorzutragenden wären in dessen Agende, die übrigen in das Gebetbuch aufzunehmen. 2. Den Hauptbestandteil der Liturgie sollen hebräische und deutsche Gesänge bilden. Auch deren Zahl ist behufs öfterer Abwechslung tunlichst zu vermehren. 3. Für den häuslichen Kultus sind die herkömmlichen hebräischen Gebete und Gesänge mit den erforderlichen Aenderungen und Kürzungen tunlichst beizubehalten, deutsche Stücke hauptsächlich nur für das Kindesalter neu zu verfassen. weitere Aeußerungen unbefangener Kenner der in Betracht kommenden Verhältnisse zu diesem wichtigen Gegenstände wären sehr erwünscht. Die Redaktion dieser Zeitschrift dürfte gern hierzu Gelegenheit bieten.