Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Nr. Mayer: Are Stellung des modernen Judentumszum Gebet außer 'Betracht — eine religiöse Pflicht, die durch andächtiges Nachsprechen („Sagen") der Gebetsterte zu den geordneten Zeiten und Anlässen erfüllt wurde. Dieses Sprechen der Gebete (Dren, Dawnen) war eine religiöse Handlung wie jede andere (z. B. Fasten, Anlegen der Denkriemen), deren Vollziehung, wenn sie mit der rechten Gesinnung (Kawonoh) geschah, als dem Gottesgebot entsprechend, deren Unterlassung als sündhaft angesehen wurde. Gewiß spielte auch die innere, seelische Befriedigung eine Nolle; aber die Hauptsache war doch die Wirkung bei und auf Gott. Für den modernen Kulturmenschen — für den Zuden wie für £><m Christen — mit seiner völlig andern Gottes- und Weltauffassung wird das Gebet die vorbezeichnete Bedeutung mieist nicht mehr haben. Der Gedanke, daß durch Gebetsverrichtung eine Pflicht gegen Gott erfüllt werde, liegt ihm ziemlich fern, noch ferner der andere, daß mittels des Gebets auf den Gang der Dinge im Leben des einzelnen Menschen und der Gesamtheit eingewirkt werden könne. Für ihn ist das Gebet lediglich eine erhöhte „Aktivität der reli- -giösen Gefühle", ein Mittel, sich mit der Gottheit in Beziehung zu setzen. Die damit verbundene Erhebung des Geistes und des Gemütes über das Gewöhnliche, profane bedeutet dem modernen Menschen — von atheistisch Gesinnten, deren Zahl übrigens weit geringer ist als gewöhnlich angenommen wird, abgesehen — innere Freude und wirkt zugleich, namentlich wenn das Gebet ästhetisch 'schön und,von .tieferem religiösem und ethischem Gehalt ist, veredelnd und versittlichend auf ihn zurück. Um dies zu erreichen, wird aber der moderne Mensch nicht erst die Worte des verordneten Gebetstückes aussprechen oder auch nur die Lippen bewegen, wie es nach der biblischen Erzählung die fromme b;annah tat, sondern er wird das Gebet in der Weise in sich aufnehmen, daß er es entweder im Gebetbuche liest oder durch den Rabbiner bezw. Vorbetsr vortragen hört. Die Worte nachzusprechen, widerstrebt ihn:, weil er dies als eine Veräußerlichung, ja als eine Entweihung der religiösen Gedanken und Gefühle empfindet. Im Grunde entfernt er sich damit gar nicht so weit von den Juden des Altertums und des Mittelalters. Zn der älteren biblischen Zeit gab es bekanntlich nur ganz wenige und kurze feststehende Gebetsformeln, die bei gewissen Anlässen zu sprechen waren. Von den später entstandenen poetischen Gebeten, den Psalmen, wissen wir, daß sie gesungen, nicht im Sprechton vorgetragen wurden; sehr viele davon sind auch ausdrücklich als Lied oder Gesang im Kanon bezeichnet. Aber auch die noch späteren Prosagebete, wie vor allen die Lsauptgebete für Werktage, Sabbathe und Feste (Achtzehngebet, Siebengebete) und die Benediktionen vor und nach dem Sch'ma (Borachu), sind wohl niemals im gewöhnlichen oder gehobenen Sprechton abgelesen bezw. vorgetragen worden. Jedenfalls wurden, soweit unsre Kenntnis zurückreicht, alle hebräischen Gebete sowohl von den einzelnen als von der Gemeinde in singendem Tone, vielfach auch mit mehr oder weniger kunstvollen Melodien (beides als Nigun bezeichnet) vorgetragen. So ist es geblieben, bis im (9- Jahrhundert die predigt - in der modernen, vom Protestantismus ausgegangenen Form in viele Synagogen übernommen wurde. Erst von da an wurden nicht nur neuverfaßte deutsche Gebete, sondern auch einige wenige hebräische (z. B. die Benediktionen zur Thora- und Haftaralesung) im Predigerton vorgetragen. Man kann nicht sagen, daß dies auf die Dauer zur Belebung und Befruchtung des Gottesdienstes beigetragen habe. Namentlich die regelmäßige Wiederholung der gleichen deutschen Gebete ist langweilig und 'schwer erträglich. Weit eher läßt sich die Wiederholung der gleichen hebräischen Ge-