Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Julius Forum: Wer ist rin Jude O o o Wer ift ein Jude? Von Julius Camm-flntroerpen. u*) I eben einer gewalttätigen Verfolgung find es zwei Dinge, die den Bestand einer Sache in Gefahr fetzen, und unter ungünstigen Umständen vernichten: die Lächerlichkeit und die Gleichgiltigkeit. Wir sehen in den meisten Gotteshäusern, mit Ausnahme der großen Feiertage, eine geringe und immer geringere Anzahl von Besuchern, und selbst in Gemeinden, welche als ein Bollwerk des Judentums galten und wo noch immer eine stattliche jüdische Einwohnerzahl vorhanden, ist, muß man Leute bezahlen, die durch ihre Anwesenheit an Werktagen Minjan möglich machen. Bis vor 50—fOO Jahren waren wir Juden in den meisten Ländern Menschen, die zwar viele Pflichten, aber sehr wenig Rechte hatten und im Gegenteil viel Unrecht erleiden mußten; die allgemeine Bildung, die übrigens auch den Nichtjuden, wie z. B. heute noch in Rußlands nicht in reichlichem Maße zu teil wurde, war uns ganz versagt, und jedes andere Volk wäre längst verwildert oder wäre verschwunden. Aber unser Judentum gab uns eine geistige und physische Widerstandskraft, und wir blieben bestehen; zwar wurden wir Wesen von etwas automatischer Natur, Wesen, welche nicht frei wuchsen und blühten, sondern durch Hunderte von Geboten und Vorschriften erhalten wurden, aber wir blieben doch am Leben, bis bessere Zeiten kamen, welche jedermann und auch uns Freiheit und Entwicklung unserer besten Eigenschaften brachten. Ich sage absichtlich „jedermann und uns", denn die Art und Weise, wie ein Land seine Juden behandelt, ist sozusagen *) Vergl. Jahrg. 1, Seite 177. ein „Thermometer" wie seine übrigen Bewohner, behandelt werden. Wir brauchen nur England, die vei> einigten Staaten und Holland anzusehen, wo wirkliche Freiheit herrscht, dagegen auf Rußland zu blicken, von dem kein Mensch behaupten wird, daß dort die Nichtjuden einer übermäßigen Freiheit teilhaftig sind. Als die neue Zeit auch uns Freiheit und Entwicklungsmöglichkeit brachte, entstand eine Krise, und diese Krise dauert noch fort. Die jüngere, in der modernen Schule aufgezogene Generation versteht die Alten nicht, und es gab wohl selten Momente in der Weltgeschichte, wo so viele liebende Kinder im Innersten ihres Wesens mit ihren Eltern nicht harmonisieren. In dieser Krise aber kommt die urwüchsige Lebenskraft des Judentums wie ein Fieberblut und will den Körper retten: Die Einen glauben in dem Zionismus, die andern in der Orthodoxie das Rettungsmittel gefunden zu haben. Ich glaube, und die meisten Leser dieses Blattes sind mit mir der Ansicht, daß ein den Zeiten entsprechendes liberales Judentum das beste Mittel ist, der Aeterna Iudaea, der übrigens um ihre Existenz noch lange nicht so recht bange ist, das frische und rationelle Leben und die Weiterentwicklung zu erhalten. Das Judentum ist eine Art" Welt im kleinen, wo jede Meinung und jede geistige Entwicklung freien Spielraum haben soll. — Ich wünsche nur, daß die Anderen gerade so versöhnlich seien; wenn nicht aus Ueberzeugung, so sollten sie aus Vernunftsgründen einsehen, daß Uneinigkeit und gehässige j)arteikämpfe stets unserer Religion Schaden brachten, und daß es im Interesse des