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Liberales Judentum · 1913-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1913) · p. Seite 122

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 Mar Wiener: Offenbarung o o o o lüftet? £jier scheiden sich die Geister. Daß ein jenseitiges Reich, ein übersinnliches Dasein in die Sphäre irdisch natürlichen Lebens hineinreicht, ein solcher Glaube dürste das Fundament religiöser Betrachtung der Welt überhaupt sein. Ls fragt sich nur, was sich uns von jenem geheimnisvollen Sein enthüllt, womit die Selbstoffenbarung des Göttlichen dieses unser Leben erfüllen will. Will sie es vertiefen und bereichern, uns die grundsätzsätzlichen Richtungen weisen, denen folgend wir selbst innerhalb seiner engen Grenzen „wahres Leben" erfahren? Oder etwa die „Welt" uns überwinden lehren, diese Welt, in der wir arbeiten, hoffen und sorgen, weil sie nur einen kümmerlichen Abglanz des eigentlichen echten Seins - darstellt, in dem das Göttliche nur noch Offenbarung und gar nicht mehr Geheimnis ist? Das sind die beiden Grundformen der Frömmigkeit. Entweder hilft die göttliche Weisheit dem Rlenfchen, daß er erfolgreich das Leben bejahen kann, in das der Wille des heiligen ihn hineingestellt. Oder sie lehrt ihn in dem irdisch natürlichen Dasein nur etwas Vorläufiges erblicken, und zeigt ihm den weg, wie er von dieser Welt erlöst werden kann, indem er die ihm angeborene Liebe zu ihr erstickt, das ihm selbstverständliche warme Interesse an ihr zum Erlöschen bringt. So wird ihm erst durch. die Offenbarung des geheimen Seins der Sinn des eigenen Daseins klar. Und wie stellt unsere Religion diesen Sinn uns dar? Das zeigt das Fest der Offenbarung. Die göttliche Weisheit enthüllt sich als der sittliche Wille; das Dunkel lichtet sich, und an die Tageshelle treten die Grundgebote der moralischen Forderung. Die zehn Gebote enthalten sicherlich nichts, was die in jenen Tagen schon erstaunlich hoch kultivierte semitische Welt noch gar nicht wußte. Das Neue und ewig Große an ihnen aber ist, daß uns durch sie Gott ein für alle mal verkündet, wohin er die Rlenschen führen will: durch dieses Leben hindurch auf seinen Wegen. Das also ist des Rätsels Lösung, die Enthüllung des Geheimnisses, soweit Sterbliche sie erleben dürfen: indem Gott sich den Rlenschen offenbart, erfahren sie nur, wie sie in Wahrheit Rlenschen auf dieser Erde sein sollen. Das 6eieh. Von Dr. Rudolf Rufjbaum-Hamburg. lieber unsere fein empfindende Lsaut läuft unwillkürlich ein leiser Schauer, wenn das strenge Wort „Gesetz" uns in die Ohren hallt und des Begriffes Schwere tief ins Bewußtsein dringt. Denn es ist uns etwas Eingeborenes, ein durch Jahrtausende vererbter Gedanke, daß jedes Gesetz etwas heiliges, Sakrosanktes ist. wurde doch ursprünglich jedes Gesetz zurückgeführt auf den Rlachtsxruch eines Gottes oder eines Königs, dessen Befehl unbedingt galt und Gehorsam heischte! Darum wurzelt tief im menschlichen Herzen die Scheu vor dem Gesetz, das, ein Erbstück von alters her, ehrwürdig geworden durch die Zahl der Tage, durch seinen Ursprung geweiht und geheiligt, Verehrung fordert von den Rindern der Neuzeit. Ebenso tief und stark aber wie dieses Gefühl der Pietät wurzelt im Ls erzen der Jugend die Empfindung, daß man in jedem Gesetz der Vergangenheit auch etwas vergangenes, nicht nur Gewesenes, sondern oft schon verwestes, etwas Totes verehrt, daß alle Pietät gegen das Abgestorbene die empordrängenden Reime einer neuen Zeit I nicht in ihrem Wachstum hemmen, oder gar

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