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Liberales Judentum · 1913-05-01 · Heft 5 (Mai 1913) · p. Seite 119

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 5 (Mai 1913)
Date
1913-05-01
Page
Seite 119 (sequence 23)
Language
German
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o o o o Rundschau: Aetrnold 119 derten zeitlichen und örtlichen Verhältnissen änzupassen. Daß das Judentum aber diese Fähigkeit besitzt, beweist uns seine Geschichte. Das alte Iudentuum hat durch und durch eine liberale Tendenz. Diese äußert sich besonders in dem Enthusiasmus seiner Führer. Liberalismus ist Reform gegen den Geist der Zeit, und war nicht das Judentum eines Mose oder Jesaja, dieser vulkanischen Naturen, die größte Reform gegen den Zeitgeist? War nicht auch Moses ein Zertrümmerer von geheiligten Vorstellungen? vom jerusalemischen Gpferkultus heißt es, daß er nur eine Konzession an die herrschende Anschauung war. Und was sind die Psalmen, das Buch Hiob, die Weltweisheit eines Kohelet? Lind es nicht Gebete, gesprochen von einem, der sich erst ein Leben zimmern will? Wäre nicht die Frage berechtigt: „Ist dieser Hipb überhaupt noch ein Jude? „Fürchte Gott und halte seine Gebote, die dir in die Seele geschrieben sind, denn das ist der ganze Mensch," das ist der Kernpunkt, um den sich das alte Judentum kristallisierte. Das alte Judentum war eine Theokratie, die erst durch Moses Mendelssohn auseinander gerissen wurde, indem die Religion vertieft, von Staat und Priester befreit und ihre Bekenner nur durch das Gesetz, die Lehre, züsammengehalten wurden. Schon der Talmud wollte das Judentum vertiefen und weiterentwickeln. Auch dieses Talmud-Judentum hat schon wenig Aehnlichkeit mehr mit dem alten, und trotzdem verdient dieses umzäunte Judentum mit seinen festen Formen und seinem kristallisierten Kern inmitten einer tosenden Welt Bewunderung. Aber das Bild des alten Judentums ist die Bibel. Im Talmud wird folgendes Gleichnis erzählt: Ein Fremder gab zwei Männern je ein Beutelchen Saatkorn zum Aufbewahren, mit der Weisung, es so lange zu behalten, bis er wiederkäme, um es abzuholen. Als der Fremde nach langen Jahren wieder erschien, um das in Verwahrung Gegebene abzuholen, hatte der erste Mann es vermodern lassen, aber der zweite führte ihn in einen Speicher, der mit dem herrlichsten Getreide gefüllt war. „Das ist Dein Eigentum," sprach er, „denn aus den wenigen Körnern, die Du mir gabst, ist alles, was Du hier siehst, hervorgegangen." So, wie dieser zweite Mann tat, haben es auch die Rabbiner gemacht. Auch sie haben das übernommene Gut gemehrt, haben Schätze um Schätze daraus gewonnen und aufgespeichert. Aber mit dem Guten wurde auch viel Spreu angesammelt, und dieses mußte wieder entfernt werden. Schon von Sadja an haben die Religionsgelehrten diese Arbeit unternommen. So schleudert Gerschon seinen Bannfluch gegen die Vielehe hinaus, obwohl diese durch Alter geheiligte Tradition nach allgemeiner Ansicht als von Gott gewollt betrachtet wurde. Auch Maimonides versuchte die Reinheit der alten Lehre des Judentums wieder zu Ehren zu bringen. Die Neuzeit, seit Mendelssohn, hat sich nun das Recht genommen, das ganze Judentum in liberalem Sinne zu gestalten. Der politischen Befreiung folgte, durch die veränderten Verhältnisse bedingt, die religiöse. Aber ein Teil der Juden, der sich orthodox nennt, kann sich in diese Wandlung nicht finden. Diese Leute betrachten die veränderten Verhältnisse nicht als natürliche Entwicklung, sondern als von Gott gesandte Strafe, die es ihnen leider unmöglich macht, das ganze Gesetz zu erfüllen. Aber wenn der Allgütige seinen Zorn wieder abwenden wird, dann werden die früheren Zustände wieder zurückkehren, und dann wird das alte Gesetz wieder in altem Glanze strahlen und buchstäblich erfüllt werden, so meinen sie. Die Vorarbeiten für den heutigen Liberalismus haben die großen Reformer der 30., ^0. und 50. Jahre des vorigen Jahrhunderts geleistet. Daß diese erstrebte Reform so wenig Erfolg hatte, mag wohldarin mit begründet liegen, weil ihre Führer mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts gegangen sind, infolgedessen auch ein Odium auf das Reformieren überhaupt gefallen ist. Die letzte Vorarbeit, die für ein liberales Judentum geleistet wurde, sind die „Richtlinien". Sie sollen eine Plattform sein dem liberalen Judentum, auf die es sich stellen kann. Der erste Teil bis VIII inkl. gibt die theoretische Richtschnur an, der Rest (IX—XIII) formuliert die praktischen Forderungen. In beiden Teilen ist berücksichtigt, daß unser Judentum nicht fertig vom Fimmel gefallen, sondern ein Produkt der Entwicklung ist. Es ist versucht worden, die Tatsachen umzukehren, als ob bisher alle Inden orthodox gewesen wären, und nun, da die

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