Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 120 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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120 Nurckfcharr: Aetmotd — Main? — Kreuznach „Richtlinien" aufgestellt sind, sollen alle liberal werden. Nein, schon lange wird das liberale Judentum von den meisten Juden erlebt, empfunden und gelebt, aber jetzt sollen wir es leben und empfinden wollen. Die „Richtlinien" sollen in erster Linie klärend wirken. Die Gegner des religiösen Liberalismus sind diejenigen, die sich als orthodox und gesetzestreu bezeichnen. Sie bestreiten, daß der Liberalismus sich mit dem Judentum vereinigen lasse, ohne zu bedenken, daß auch die Orthodoxie in ihren Institutionen dem Wesen des Judentums widerspricht. Vielleicht ist es auch die angeborene und anerzogene Denkträgheit, die sie hindert, sich mit dem Liberalismus auf andere Art abzufinden. Denn in jenen Rreifen ist man es ja seit alters her gewöhnt, sobald man über irgend eine Sache im Zweifel ist, einen Gesetzesband hervorzuholen und nachzuschlagen, wie andere über den Gegenstand gedacht und dementsprechend entschieden 'haben. Wahrlich, orrthodox zu sein ist sehr leicht! Rlit einer guten Dosis Autoritätsglauben kommt man schon aus. So bequem machts der Liberalismus uns nicht, denn er verlangt eigenes Denken, eigenes Entschließen. Die Gesetzestreuen endlich vergessen, daß das Judentum kein Gesetz, sondern Religion ist. Aber jede Religion fordert Opfer, so auch Äas liberale Judentum. Zwar ist es unter den heutigen Verhältnissen auch schon ein Opfer, sich nur als Jude zu bekennen, aber das allein genügt nicht. Wir müssen unser Judentum betätigen in religiösen Leistungen, denn sonst verdient es nicht den Namen liberales Judentum. Auch dem Judentum seinen Rang wieder zu erwerben, gehört zu unsern Aufgaben. Der politische Antisemitismus ist im Abflauen begriffen, der gesellschaftliche wuchert weiter. Hier heißt es Hand anlegen. Leider verdienen wir es oft, verachtet zu werden, weil kein jüdisches Leben in uns stark pulsiert. Aber nicht nur Juden, sondern auch Bürger müssen und wollen wir sein, und das können wir nur, wenn wir liberal sind. Dieses liberale Judentum hat auch noch den Vorzug, daß wir es unsern Rindern Vorleben können. Judentum und Liberalismus sind keine Gegensätze, sondern Einheiten, und darin liegt die Zukunft des Judentums! Die Versammlung spendete dem Redner reichen Beifall, Herr Lehrer Rosenthal dankte im Namen des Vereins für die interessanten Ausführungen und betonte nochmals, daß nicht die „Richtlinien" geschaffen sind, um uns liberal zu machen, sondern, daß wir schon lange im Sinne der „Richtlinien" leben, daß diese uns aber das Bewußtsein geben sollen, weshalb wir liberal sind. Rlit einem Appell an die Anwesenden, der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" beizutreten und sich in den Dienst der Sache zu stellen, schloß Herr Rosenthal. In der anschließenden Diskussion begründete Herr Direktor Rosenthal den Ausdruck „Richtlinien" zu einem Programm. Es wird noch darauf hingewiesen, daß es nicht dem Liberalismus widerspricht, auch das Zeremonialgesetz so weit wie noch möglich zu erfüllen, daß dies aber nicht die Hauptsache sei und daher dem subjektiven Ermessen überlassen bleibe. — Eine Anzahl Gemeindemitglieder meldete sich zum Beitritt in die „Vereinigung für das liberale Judentum". Mainz. Am 2% v. ZIT. beging Herr Rabbiner Professor Dr. Salfeld unter herzlicher Anteilnahme seiner ganzen Gemeinde seinen siebzigsten Geburtstag. Das liberale Judentum und vor allem die Vereinigung liberaler Rabbiner, der engere Rreis der Rollegen, nimmt gleichfalls innigsten Anteil an dem Iubeltage des allverehrten Rabbiners und Gelehrten. — Am 3. Zitat feierte Herr Rabbiner Dr. Tawrogi in Kreuznach sein 23jähriges Amtsjubiläum. Auch dieses Fest begleiten die Rollegen mit freudiger Anteilnahme. Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin W. 8, Mauerstraße 49. Für die Redaktion und den Verlag verantwortlich vr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., Friedrichstr. 29. Druck und Expedition von Voigt L Gleiber, Frankfurt a. M., Bieber-Taste 6,