Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 116 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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116 O O o o Rundschau: Oeffentliche Versammlung in Nürnberg Richtung in der Gemeinde der andern das Recht auf das Judentum abspreche. 'Sie habe es zugleich für ihre Pflicht gehalten, ihren Rabbiner zu schützen, den sie vertrauensvoll berufen, und dessen Autorität die eines allseits hochgeachteten Geistlichen sei. Die Anschauungen desselben seien übrigens auch schon $0? beim Abschluß des Vertrags mit der Orthodoxie bekannt gewesen, ja schon vor seiner Berufung nach Nürnberg, die -gerade wegen dieser religiösen Anschauungen erfolgt sei. Trotzdem sei damals der Friedensvertrag zustande gekommen, warum sollte er nicht weiterbestehen, zumal nicht ein einziger Fall der Vertragsverletzung durch die Schuld der Kultusgemeinde und des Rabbinats angeführt werden könne. Die neuen Lorderungen der Orthodoxie seien in der Tat kein Erzeugnis der Richtlinien, sondern nur deren zeitliche Folgen; es seien alte Wünsche, die nicht zum Schweigen gekommen trotz des weitgehenden Entgegenkommens der Rultusgemeinde, und die jetzt unter dem vorgeben der Richtlinien in schroffer Weise unter Drohung mit der Staatsregierung wiederholt worden seien. Zwischen beiden Richtungen bestehe eben ein Gegensatz der Weltanschauung, der schon längst vor Erscheinen der Richtlinien von einem orthodoxen führenden Rabbiner als schärfer bezeichnet worden sei, wiederzwischen den beiden christlichen Konfessionen; wenn der versuch der Rultusgemeinde eine Brücke darüber zu schlagen, nicht gelungen sei, so sei das gewiß nicht deren -Schuld. Welche Weltanschauung die richtige sei, das zu entscheiden, müsse man der Entwicklung der Dinge überlassen; darüber hier zu orakeln, sei Redner als Vorsitzender der Rultusgemeinde nicht berufen, persönlich habe er die Empfindung, daß die Zukunft des Judentums nicht bei der Orthodoxie liege. Stürmischer Beifall wurde dem Redner zuteil, der gerade mit seiner unparteilichen Haltung allen Anwesenden aus der Seele gesprochen hatte. Der Vereinsrabbiner der Adas Israel, Herr Dr. Rlein, erhielt gleichfalls das Wort. Eingangs seiner Rede beklagte der Redner in elegischem Ton die Unzulänglichkeit seines -Wirkungskreises in Nürnberg und sprach von Unannehmlichkeiten, die ihm in Ausübung feines Berufes als Rabbiner bereitet worden seien. Hierauf ging er zur Besprechung der Richtlinien über, selbstverständlich ganz im Wohlgemuthschen Fahrwasser und mit einem Fanatismus, der wohl die Freude seiner Gesinnungsgenossen auslöste, in der Mehrheit der versammelter: aber einen solchen Widerwillen hervorrief, daß sie nur mit Mühe die Ruhe zu bewahren vermochten. Ein einziges Gefühl beherrschte die Hörer: daß ein Zusammengehen der Gemeinde mit Männern von solchen Anschauungen unmöglich sei. Mit um so größerer Freude wurden die Ausführungen des Herrn Iustizrat Emil Iosephthal (Sohn unseres allverehrten Ehrenvorsitzenden der Gemeindeverwaltung) begrüßt. Der Redner warf die Frage auf, wer eigentlich an dem ausgebrochenen Kampfe schuld sei. Die Orthodoxie behaupte, daß seit dem Erscheinen der Richtlinien sich alles verändert habe; das mache den Eindruck, als ob sie bisher mit Scheuklappen durch die Welt gegangen sei und nicht wisse, daß die Richtlinien nichts anderes festgelegt, als was Tausende schon längst geübt und als ihre Anschauungen bekundet haben. Wenn man entscheiden wolle, auf wessen Schuldkonto der Ausbruch des Kampfes zu setzen sei, brauche man nur die Richtlinien mit ihren duldsamen Grundsätzen hinsichtlich der Minorität und der Einheit des Judentums zu vergleichen mit den Ausdrücken, mit denen von der Orthodoxie und ihren eng verbundenen zionistischen Vettern den Liberalen „der Kampf auf Leben und Tod" oder „der Krieg bis aufs Messer" angesagt worden sei. Bezeichnend sei ja auch, daß man die von den liberalen Rabbinern angebotene Friedenshand schroff zurückgewiesen habe. Das Hineintragen des Kampfes aus dem Lager der Theologen in die Laienwelt sei aber erst recht das Werk der Orthodoxie und ganz besonders unerträglich. Männern und Frauen, die allezeit für das Judentum sich eingesetzt haben, wenn sie auch nicht orthodox waren, darum das Judentum abzusprechen, sei unerhört. Welche andere Religionsgemeinschaft wäre je noch auf die Idee gekommen, ihre Söhne und Töchter, die bei ihr bleiben wollen, von sich zu stoßen? Und wo wäre es schon vorgekommen, wie jetzt, daß eine Minderheit die Mehrheit vergewaltigen und ihr das