Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1913-05-01 · Heft 5 (Mai 1913) · p. Seite 114

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 5 (Mai 1913)
Date
1913-05-01
Page
Seite 114 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126558-3126564--1449-3128263
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

114 O O o o Rundschau: Orffentliche Versammlung in Nürnberg XDie zu erwarten war, gestaltete sich die Versammlung zu einer imposanten Kundgebung des liberalen Judentums. Nahezu $00 Teilnehmer, Herren und Damen, aus allen Schichten der Gemeindemitglieder hatten sich eingefunben, darunter eine Anzahl Orthodoxer mit dem ganzen Stab ihrer Führer; auch Gäste aus München, Würzburg und Fürth waren anwesend. Der große Adlersaal war zum Erdrücken voll, so daß die Polizei den Zugang ab sperren mußte. Schlag 8*4 Uhr eröffnete der Vorsitzende des Vereins, Herr Realschuldirektor 2X1. Gombrich, die Versammlung und übernahm die Leitung derselben mit einer kurzen Ansprache, in der er die Bedeutung der heutigen Versammlung betonte und in Anbetracht der für das Judentum und seine religiösen Interessen so hochwichtigen Verhandlungen die Redner und Zuhörer bat, die Würde derselben stets im Auge zu behalten, nur sachlich zu sprechen und jeden persönlichen Angriff zu vermeiden, wogegen er sich zur Pflicht mache, jede Richtung zum Wort kommen zu lassen und vollste Objektivität zu bewahren. Gegen jede Störung der Versammlung werde er mit aller Strenge Einschreiten. Hierauf nahm der Referent, Herr Rechtsanwalt Dr. Michael Erlanger, das Wort und behandelte in ^Mündiger Rede das Thema: Religiöser Liberalismus im Judentum und seine Zukunft in Bayern. Einleitend bemerkte der Redner, daß im letzten Jahrzehnt der Abfall vom Judentum erschreckend groß gewesen sei, und wenn jetzt liberale Männer sich der Aufgabe unterziehen, die nichtorthod'oxen-Juden unter einer Fahne zu sammeln, und dem Judentums zu erhalten, so verdienten sie den Dank aller einsichtigen Juden; statt dessen habe die Orthodoxie auf der ganzen Linie gegen diese wahrhaft konservativen Juden einen Kampf heraufbeschworen, der alles Dagewesene in den Schatten stelle, denn sie spreche diesen liberalen Männern einfach die Zugehörigkeit zum Judentum ab. Für Bayern haben die Orthodoxen die Kultusgemeinde Nürnberg zum Kampfplatz auserwählt; deshalb hält es der Redner für nötig, einen Ueberblick über die Entwickelung unserer Gemeinde seit s8?4 zu geben und die Hauptpunkte des Vertrags anzuführen, den im Jahre $08 die Hauptgemeinde mit der orthodoxen Vereinigung Adas Israel im beiderseitigen Einvernehmen abgeschlossen hatte. Man hätte glauben sollen, daß dadurch die Eintracht zwischen beiden Vertragsschließenden, wie es das König!. Staats-Ministerium wünschte, dauernd aufrecht erhalten worden wäre; aber der Friede dauerte nicht lange, da nach kurzer Zeit die Adas die Religionsschulfrage aufwarf, demzufolge die Orthodoxie ihre eigene Religionsschüle erhielt, die jedoch unter Aufsicht des Gemeinderabbiners gestellt wurde. Seit Erscheinen der Richtlinien beansprucht die Adas von der Gemeinde, datz ihrem Vereinsrabbiner nunmehr alle rabbinischen Funktionen für seine Vereinsangehörigen zugewiesen werden sollen, die gesetzlich nur dem -Gemeinderabbiner zustehen, weil sie denselben als Unterzeichner der Richtlinien nicht mehr als Rabbiner anerkennen wolle; die Verwaltung der Kultusgemeinde wies dieses Ansinnen von kurzer Hand ab, und die Adas wandte sich nun beschwerdeführend an das Kgl. Staatsministerium. Nunmehr ging Redner zur Besprechung der Richtlinien über und zerpflückte in geschickter weise die Linwände der Orthodoxie, insbesondere nahm er das wohlgemuthsche Machwerk unter die Lupe und zeigte, zu wel- - chen Absurditäten der Fanatismus führen kann; unter anderem wies der Redner nach, wie notwendig eine Reform des jüdischen Eherechts ist, dessen geradezu widerliche Auswüchse, die sich unter den Augen der gesetzestreuen Rabbiner eingenistet haben, ohne Schwierigkeit beseitigt werden können und müssen. Recht treffend war der Wunsch des Referenten, es möge der Religionsunterricht in den orthodoxen Religionsschulen nach Methode . und wahrhaft religiösem Inhalt so erteilt werden, daß er die Resultate des Unterrichts in liberalen Gemeinden erreicht; nicht, eine Dressur und ein Abrichten soll der Unterricht sein, sondern eine Erweckung und Stärkung des wahrhaft religiösen Gedankens und Empfindens. wie weit die Orthodoxie die Gelegenheit der Revision des Iudenedikts in Bayern ausnützen will, um, trotzdem sie in der Minorität ist, zur Herrschaft zu gelangen, wies Redner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.