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Liberales Judentum · 1913-05-01 · Heft 5 (Mai 1913) · p. Seite 111

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 5 (Mai 1913)
Date
1913-05-01
Page
Seite 111 (sequence 15)
Language
German
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0 o 111 Ar. Frendenthal: Air Richtlinien und ihre Wirkung über sich ergehen zu zu lassen, für den der Lehrer keineandere Eignung mitbrachte, als feine Frömmigkeit und wohl die Fähigkeit, mit Tieren auf dem Schlachthof, nicht aber mit Kindern in der Schule umzugehen? Und was kann selbst ein orthodoxes Gemüt an den Unterrichtsgrundsätzen aussetzen, die wir in den Richtlinien also formuliert haben: „Der Religionsunterricht soll die Heranwachsende Jugend zu sittlicher Lebensführung und religiöser Weltanschauung, zu Ueberzeugungstreue und lebendiger Anteilnahme am religiösen Leben der Gemeinde erziehen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat er die Aufgabe, das alte heilige Schrifttum Israels, auch in seiner Ursprache, kennen und lieben zu lehren und seine unvergängliche religiöse Bedeutung aufzuzeigen, Verständnis für die Entwicklung der jüdischen Religion anzubahnen, Begeisterung für die Geschichte des jüdischen Volkes wachzurufen, unter unbefangener Anerkennung der Wissenschaft in die Fragen der Weltanschauung und in die religiösen Probleme der Gegenwart einzuführen, vorhandene Gegensätze zu traditionellen Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen mit Würdigung ihrer historischen Bedeutung taktvoll zu behandeln und mit der Treue zum Väterglauben die Liebe zum Vaterlande und den Sinn für die Aufgaben der Menschheit zu wecken!" Gottlob, daß die Tatsachen der Wirklichkeit die völlige Unwahrhaftigkeit jener denunziatorischen Behauptung dartun, ja, daß sie die Gefahr für die Jugend als viel größer erweisen, wenn sie nach den uns gegenüber bekundeten Grundsätzen der Unduldsamkeit und des Fanatismus erzogen werden sollen, als nach den von uns bekundeten liberalen Grundsätzen, welche die Liebe zum Glauben, zum Vaterland und zu allen Menschen eng miteinander verketten wollen. Und nun der Lärm über unsere Stellung zu den Ehegesetzen! Als ob nicht orthodoxe Rabbiner selber die Unhaltbarkeit der jetzigen Zustände so und so oft beklagt und ihre schleunigste Abstellung ersehnt hätten! Wir liberalen Rabbiner hatten nur den Mut, offen zu erklären:als sittliche Theologen wollen wir es nicht länger dulden, daß an einer gerichtlich geschiedenen Frau von dem ehemaligen Gatten gemeine Gelderpressung geübt werden kann und tatsächlich geübt wird, damit sie von ihm auch die religiöse Ehescheidung erhält; als wahrhaftige Theologen wollen wir es nicht mitmachen, daß eine Frau verpflichtet wird, vor ihrem Schwager ihn und sie selber beschämende Zeremonien auszuüben, weil er sie angeblich nicht heiraten will, obwohl er. sie gar nicht heiraten darf, nur damit das biblische Gebot der Lhaliza, der Schwagerehe, das auf dem Familien- und Erbrecht des alten Palästina beruhte, der Form nach weiter geübt wird ohne jeden inneren Sinn und verstand; und als ehrliche Theologen können wir es nicht zugeben, daß geschichtlich längst überwundene Anschauungen, die bei der ständig fortschreitenden, immer reineren und idealeren Entwicklung des Judentums auch nie mehr wiederkehren werden, z. B. die Notwendigkeit blutiger Tieroxfsr oder die altorientalische Auffassung von der absoluten Rechtsgewalt des Mannes über die Frau, noch immer dazu herhalten müssen, in Liefeinschneidenden Rechtsfragen des praktischen Lebens den allein entscheidenden Maßstab für die religiöse Beurteilung solcher Fragen abzugeben. Gerade weil wir die Heiligkeit der Ehe schützen wollen vor solchen Mißständen, weil wir in einer Zeit, in der die bürgerlich geschlossene Ehe allein schon ihre völlige Gültigkeit hat, unter allen Umständen auch die religiöse Meihe derselben retten und erhalten wollen, haben wir jenen sittlichen, wahrhaftigen und ehr-

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