Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 110 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Ar. Frru-rnthat: Me Richtlinien und ihre Wirkung o o o o sonderte Erklärungen gegen . die Richtlinen ausgehen lassen, die in Einzelheiten wohl von einander abweichen, im Grunde aber auf dasselbe hinauslaufen, nämlich auf die völlige Abschüttelung der Rabbiner und Laien, welche unsere Richtlinien unterzeichnet haben oder auf ihrem Boden stehen. Diese haben sich damit angeblich außerhalb des Judentums gestellt. Solche Rabbiner sind keine Rabbiner, solche Juden keine Juden mehr! Unsere rabbinischen Entscheidungen werden von vornherein und ohne jede wissenschaftliche Nachprüfung als ungültig erklärt. Der von uns erteilte Religionsunterricht wird „als eine -Gefahr für die Jugend" bezeichnet! Selbst in die Familie wird die Inquisition hineingetragen; ein orthodoxer Jude darf nicht mehr mit einem liberalen brause sich ehelich verbinden, ehe nicht durch besondere, anzulegende Geschlechtsregister festgestellt worden ist, ob dieses Haus in seinem Blutszusammenhang allen rituellen Anforderungen entspricht. Nur darüber sind die Inquisitoren noch nicht ganz einig, ob nicht überhaupt alle von liberalen Rabbinern vorgenommenen Trauungen als ungültig zu erklären feien; hoffentlich kommt diese Einigung auch noch zustande! Wenn man alle diese Ungeheuerlichkeiten liest, die nicht bloß der einfachen Vernunft, sondern dem ganzen Judentum, ja sogar dem Religionsgesetz selber zuwiderlaufen; wenn man sich fragt, warum dieses rohe mit der Faust Dreinschlagen bei einer geistigen Bewegung, die doch durch solche Mittel überhaupt nicht und am allerwenigsten im Judentum, dessen höchster Grundsatz mit die Freiheit des Denkens von jeher war, gehemmt werden kann, so muß aus der ganzen Form dieses Vorgehens selbst idem Blindesten einleuchten, daß hier neben den religiösen Ueberzeugungsmotiven moch andere mitspielen, daß einfach eine politische Machtfrage von der Orthodoxie aufgeworfen worden ist. Sie will tatsächlich — und wir in Bayern wissen das am besten zu beurteilen — die gute Gelegenheit der ersten programmatischen Aeußerung des religiösen Liberalismus im Judentum benutzen^ um sich vor der Außenwelt und besonders auch vor den Staatsbehörden als das einzige, als das wahre Judentum herauszustreichen; sie möchte gerne unter Ausnutzung politischer Verhältnisse auch im Judentum sich die öffentliche Herrschergewalt aneignen. Darum hat sie unseren religiösen Liberalismus als irreligiös, ja sogar als staatsgefährlich denunziert und diskreditiert, also unbedacht mit denselben Mitteln gearbeitet, wie die judenfeindliche Presse. Welch' Behagen muß es für diese sein, einen Satz in den offiziellen orthodoxen Erklärungen zu lesen wie diesen: „Der von den liberalen Rabbinern erteilte Religionsunterricht ist eine Gefahr für die Jugend." Und welche widersinnige geschichtliche und tatsächliche Lüge ist dieser Satz! Wer wüßte nicht aus der jüdischen Geschichte, wie die wirklich einst vorhandene Gefahr für die jüdische Jugend, die Gefahr ihrer völligen Versumpfung und Verrohung, in dem Augenblick abgewendet wurde, in welchem die ersten Reformer, die Schüler Mendelssohns, mit ihrer Segenstätigkeit gerade auf diesem unterrichtlichen Gebiete einsetzlen? Wer kennt nicht die Fürsorge, die vor allem die liberalen Gemeinden unaufhörlich der immer besseren Gestaltung des Religionsunterrichts zuwenden, und wie ausgezeichnet es bei ihnen darum bestellt ist? Wer wüßte nicht, wie es umgekehrt in so vielen orthodoxen Gemeinden, besonders auf dem Lande, in dieser Einsicht aussieht, und 'wie ein großer Teil des Indifferentismus unter den jetzigen älteren und mittleren Generationen daher rührt, daß sie als Rinder gezwungen waren, einen Religionsunterricht