Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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108 o o o o Ar. Freudenthal: Are Nichtlinien und ihre Wirkung Nach diesen für den Einzelnen geltenden Grundsätzen behandeln die Richtlinien in ihrem dritten Teil die Forderungen, die wir für das religiöse Leben der Glaubensgemeinschaft aufstellen. Es sind Forderungen, die schon so alt und bekannt und in den liberalen Gemeinden zum großen Teil schon so verwirklicht sind, daß wir der Mühe enthoben bleiben, sie hier einzeln nochmals vorzuführen. Genug, daß wir alle Gemeindeinstituttonen, besonders Gotteshaus und Schule, so eingerichtet wünschen, daß sie auch in der modernen Zeit ihren -Zweck erfüllen können, nämlich religiöses Leben unter den Gemeindemitgliedern zu fördern. Dies können sie natürlich nur, wenn sie in unserem Sinne ausgebaut werden. Daß wir dabei auch die Minderheiten in der Gemeinde nicht unterdrücken, sondern ihnen Gelegenheit zur Befriedigung ihrer berechtigten religiösen Bedürfnisse geben wollen, ist für uns etwas so Selbstverständliches, daß wir, wie. es schon einer der Redner in Posen hervorgehoben hat, begierig wären, einem ähnlichen Satz auch einmal in den Programmen der Orthodoxie zu Gunsten des Liberalismus zu begegnen. Es war gerade fetzt der Orthodoxie die Möglichkeit zu einem solchen pronunziamento gegeben; sie konnte gerade fetzt einmal beweisen, daß sie besser sei als ihr Ruf. Sie hätte ehrlich anerkennen können, daß wir liberalen Rabbiner in den Richtlinien einfach zusammengefaßt haben, was tatsächlich das Bekenntnis Tausender von Juden und zwar nicht der. schlechte st en Juden ist, daß wir dieser Zusammenfassung zu einem Programm einen positiven, konservativen Grundton unterlegt haben, wie ihn der Liberalismus bisher überhaupt noch ni^chtaufzuweisen hatte, und daß unter uns liberalen Rabbinern sich zahllose Männer befinden, deren ganzes- Leben und Streb en , aufgebaut auf den Grundsätzen der Richtlinien^ die heiligste und erfolgreichste praktische Arbeit für das Judentum bedeutet hat und tagtäglich noch bedeutet. Da hätte die Orthodoxie im Interesse dieses Judentums und seiner sobitter nötigen Einheit sagen können und sagen müssen: „Die liberale Auffassung ist eine andere wie die unsrige, die liberale Methode ist eine andere wie die unsrige^ aber das Ziel ist doch dasselbe und dev ehrliche Wille ist derselbe und die Treue und Liebe zum Judentum ist. dieselbe. Darum geht Ihr auch links und wiv gehen rechts: — wie in der Abrahamgeschichte, — ivir sind doch Brüder, nuv keinen gehässigen Streit zwischen unseren undeuren Wirten!" Statt dessen dieser Ansturm gegen uns, der so ttef beschämend ist, weit er erst gezeigt hat, welche Rückständigkeit selbst noch im Judentum herrscht, von sachlichem Verständnis für unsere Richtlinien selten eine Spur, von sachlicher Widerlegung noch seltener ein schwaches Bemühen. Entweder niedrige persönliche Angriffe oder dev versuch einer brutalen Vergewaltigung des Andersdenkenden, wie man ihn in den früheren Jahrhunderten der Ketzergerichte getvohnt war, in unseren Tagen aber nicht, mehr für möglich gehalten.hätte. Ueber die persönlichen Verunglimpfungen der Rabbiner, welck^e die Richtlinien unterzeichnet, und der Laien,, welche sich auf ihren Boden gestellt haben, darf ich wohl ohne große Erörterung hinweggehen. Ueber die sogenannte sachliche Widerlegung der Richtlinien,, die Herr Dr. Wohlgemuth im „Israelit" veröffentlicht und jetzt als Broschüre verbreitet hat, müßte man eigentlich ebenso zur Tagesordnung übergehen, nachdem sich im „Israelit" selber krittsche Sttmmen dagegen erhoben.