Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126558-3126564--1442-3128256- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o o o o 107 Ar. Freudenthal: Are Richtlinien und ihre Wirkung bäuerlich, daß die erschwerten Wirtschaftsverhältnisse nun einmal eine völlige Arbeitseinstellung nicht gestatten; so haltet wenigstens den Sabbat, so gut es geht: haltet ihn im aufe, weihet es sabbatlich und festtäglich, und haltet ihn im Gotteshause, das selbst der Vielbeschäftigte weit öfter besuchen kann, wenn er nur daran denkt und seine Arbeit sich dementsprechend im Voraus einteilt." So haben wir in den Richtlinien nur dasjenige ausgeführt, was der Talmud mit den bedeutsamen Worten meinte, „daß der Sabbat vom Allgütigen frei in die Hände Israels, nicht aber Israel gebunden in die Hände des .Sabbats gegeben worden sei." wir fordern ferner das tägliche Gebet, und mag es noch so kurz sein, sowie die religiöse Weihe der wichtigsten Daseinspunkte, Geburt, Mündigkeit, Eheschließung, Tod, wie ich das in meinem Referat über das Zeremonialgesetz auf der Posen er Versammlung des Näheren begründet habe. wer sein Lieben nach allen diesen Forderungen einrichtet, in dem sehen wir, auch wenn er nicht die Last der jm Laufe der Jahrhunderte ausgeklügelten Formen und Zeremonien in ihrem vollen Ausmaß auf sich nimmt, einen religiösen Juden, wer noch Darüber hinausgehen will in der Beobachtung von Äußerlichkeiten, dem werden wir gewiß gerne diese Freiheit zugestehen; es gibt ja viele Formen, welche geeignet sind, als Vermittler fromme Gesinnung hervorzurufen, die sittliche Tat zu fördern und religiöse Wahrheiten und Erlebnisse in anschauliche Erinnerung zu bringen. Aber ihre Wirkung hängt nicht ausschließlich und allein von ihnen selber ab, sondern von anderen begleitenden, äußeren Umständen oder inneren Stimmungen, und sie können deshalb nicht grundlegend gefordert werden, sondern müssen dem Empfinden des Einzelnen überlassen bleiben. Sie dürfen es auch; schon darum, weil Frömmigkeit gewiß nicht von der Zahl der äußeren Uebungen abhängt und nicht mit der Menge der äußeren Erschwerungen und Entbehrungen zunimmt, sondern weil sie zunächst die gottesehrfürchtige Gesinnung bedeutet, die das sittliche Verhalten des Menschen beeinflußt und, wo sie diese Wirkung nicht übt, trotz aller ungezählten zeremoniellen Uebungen überhaupt rächt den Namen der Frömmigkeit verdient. Frömmigkeit muß sich außerdem aber auch in einem freudigen Bekenntnis des Glaubens äußern, und das verlangen wir von jedem Liberalen ebenso wie die gottesfürchtige und sittliche Gesinnung. In der Uebung jener grundlegenden Forderungen, die wir der Willkür des Einzelnen entrückt und nur seinem Gewissen in ernstester Prüfung unterstellt haben, dokumentiert sich dies freudige Glaubensbekennen sicherlich am stärksten. Endlich kann Frömmigkeit noch weiter gehen und das Leben in vielen Dingen oder gar in jedem einzelnen Augenblick in Beziehung zu Gott und Religion stellen. Das wünschen wir Theologen wohl, aber wir können hierin kein allgemeines Maß vorschreiben, weil eben das Leben selber hier mitspricht, und weil alle religiöse Uebung sofort ihren wert verliert, wenn sie unter irgend einem äußeren Zwang zustande kommt, gegen den sich Gefühl, Vernunft und die Lebensumstände selber empören. Deshalb konnten wir auch keine Auswahl unter dieser großen Menge traditioneller Uebungen treffen, noch viel weniger aber dieses oder jenes für aufgehoben erklären; wir konnten nur sagen: „Beobachtet das, was Euch durch seine äußere Uebung innerlich wahrhaft religiös zu beeinflussen vermag, und hat es diesen Einfluß nicht, so kann Euch aus seiner Unterlassung keinerlei Vorwurf erwachsen, der Eure Stellung und Euer Verhalten als Juden zu irgend einer Minderwerägkeit herabzudrücken die Berechtigung hätte."