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Liberales Judentum · 1913-05-01 · Heft 5 (Mai 1913) · p. Seite 106

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 5 (Mai 1913)
Date
1913-05-01
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 e o g o Ar. Frrudrnthal: Air Richtlinien und ihre Wirkung Zusammenleben. Das tut sie, wenn sie an neuzeitliche Erscheinungen und Verhältnisse, die man in früheren Epochen gar nicht kannte, immer nur und ausschließlich den Maßstab der andersgearteten Vergangenheit und nicht den des Bedürfnisses der Gegenwart anlegt. Gewiß, wir haben es schon betont, jede Religionsgemeinschaft gründet sich in ihrem Stammeszusammenhang wie in ihrem Bekenntnis auf die Vergangenheit und muß dies Fundament pietätvoll bestehen lassen; aber sie ist doch für die Gegenwart da und kann nur Macht und Bedeutung gewinnen und die Gegenwart beeinflussen, wenn sie mit ihr geht und nicht grundsätzlich sich wider sie stemmt. Das ist ganz besonders von Nöten in unserer Gegenwart, die durch ihre gewaltigen Umwälzungen auf allen Gebieten und vor allem durch die machtvolle Entwickelung aller geistigen und sozialen Interessen grundverschieden von jeder früheren Menschenepoche ist und ganz gewiß grundverschieden von, denjenigen Jahrhunderten, welche zuletzt den Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen des Judentums ihr Gepräge aufdrückten. Im zweiten Teil unserer Richtlinien haben wir versucht, diesen rechten Ausgleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu formulieren. U)ir wällen alle diejenigen Vlaubensvorftellungen aus alter Zeit erhalten, die so rein und edel sind, daß sie sich mit den höchsten geistigen Vorstellungen auch unserer Kulturepoche messen können, ohne daß man ihnen durch künstliche Ausdeutung Gewalt anzutun braucht; diejenigen aber gestrichen sehen, die erkünstelt sind oder die gar unter unsre eigene Anschäuungshöhe, besonders unter dem Einfluß des Aberglaubens, eines Fremdkörpers im reinen Blute des Judentums, herabgesunken sind, wir wollen ferner alle diejenigen äußeren Erscheinungsformen bewähren, die für das Judentum seit alten Zeiten typisch sind, die von ihm als große unvergängliche Menschheitswerte — auch in den Formen —geschaffen wurden, und die zugleich sich die Kraft bewahrten, das Leben der Menschen draußen, wie besonders in der Familie zu weihen, zu heiligen und über die tägliche Arbeitsnivellierung hinaus zu höheren und reineren Daseinsauffassungen zu erheben, wir wollen endlich auch solche Erscheinungsformen aufrecht erhalten, Welche uns als Juden brüderlich auf der ganzen Welt umschlingen und uns immer von neuem, besonders in gewichtigen Lebensstunden, den Zusammenhang mit unserer Religion und unseren Stammesbrüdern wiederfinden lassen. Darum fordern wir z. B. in den Richtlinien die Feier der Sabbate und Festtage im Gotteshause wie im eigenen Hause. Daß wir den Sabbat aufheben oder auch nur verlegen, ist natürlich erfunden; haß wir die Sabbatarbeit gestatten, ebenso erdichtet, wir haben in die Richtlinien wörtlich das Verbot der Bibel übernommen: „Jede werktagsarbeit soll unterbleiben." Freilich verzichten wir gerne auf die kleinlichen Erschwerungen, die man zu diesem vernünftigen biblischen Verbot allmählich hinzugefügt hat, und welche die Sabbatheiligung unter ein vollständiges kasuistisches "Reglement gestellt und dem Juden sogar bis auf den Gebrauch des Taschentuchs und des Regenschirms herab jede Bewegungsfreiheit an diesem Tage genommen Haben. Und den vielen Tausenden von Juden, der überwältigenden Mehrheit in jeder Gemeinde, die am Sabbat nun einmal um der Lebensverhältnisse willen ihre Arbeit nicht einstellen können, und die sich doch bei jeder anderen Gelegenheit als treue gute Juden fühlen, rufen wir nicht zu: „Ihr müßt Euere Geschäfte und Bureaus schließen, sonst seid Ihr keine rechten Juden mehr", sondern wir haben den ehrlichen Mut ihnen zu sagen: „Es ist im höchsten Grade be-

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