Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1913-05-01 · Heft 5 (Mai 1913) · p. Seite 105

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 5 (Mai 1913)
Date
1913-05-01
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126558-3126564--1440-3128254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

o o o o Ar. Frrudrnthal: Air Richtlinien nnL ihre Wirkung 105 Vorsehung, sondern irgend etwas anderes; was, können wir freilich nicht verraten. Als die Quelle aller dieser Grundlehren des Judentums erkennen wir denn auch natürlich das Gotteswort in der heiligen Schrift an. Auch wir sehen selbstverständlich in der Bibel das Gott es wort, und ein Liberaler darf mit ebenso gutem Gewissen wie ein Orthodoxer, wenn er zur Thora gerufen wird, den Allgütigen im Segensspruch dafür preisen, daß er uns Israeliten die heilige Lehre, die Lehre der Wahrheit gespendet hat. Deshalb übersehen wir aber nicht, daß die Thora eine j)ergamentrolle und die Bibel ein Buch, ja sogar ein Kanon von Büchern ist. Das Gotteswort ist eben, wie es gar nicht anders sein kann, durch Menschen wiedergegeben, in Menschenform gefaßt, für menschliche Verhältnisse zurecht gelegt. Darum finden wir in der Bibel Göttliches, Erhabenes, Ewiges, aber auch Menschliches, Zeitliches, vergängliches. Die Bibel selber stellt ebensowenig wie der Talmud ein einheitliches Werk, sondern eine große Entwicklungsreihe aus vielen Jahrhunderten durch viele Jahrhunderte dar. Sie ist uns heiliges Gotteswort, aber auch zugleich das erste große Geschichts- und Volksbuch Israels, dem wir deshalb gleichmäßig die nachfolgende religiöse Literatur anschließen. Gerade weil wir uns zum Grundsatz einer ständigen Fortentwicklung bekennen, scheiden wir nicht mehr, wie man das in denersten Zeiten der Reformbewegung im Judentum getan, scharf zwischen Bibel und Talmud, sondern stellen uns auf den Boden der Gesamtentwicklung und berufen die Religionswissenschaft als letzte Instanz zur Entscheidung über alles das, was in dieser Gesamtentwickelung — auch in der Bibel — dauernden Wert oder nur vorübergehende zeitliche Bedeutung beanspruchen kann. Die jüdische Religionswissenschaft wird vor allem jedesmal feststellen müssen, inwieweit dies von den Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen gilt, in denen das Judentum wie jede geschichtliche Religion den erwähnten ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten in den verschiedenen Zeiten den verschiedensten Ausdruck gegeben hat, und über deren zeitliche Entstehung und geschichtlichen Verlauf eben die Religionsquellen dem Forscher Aufschluß gewähren. Können sie unverändert erhalten bleiben oder müssen sie abgestoßen werden, ist eine Fortbildung derselben möglich oder können andere Formen, die den Geist dieser Wahrheiten und Grundgebote in lebendigerer Weise für unsere Verhältnisse verkörpern, neu geschaffen werden? Das sind Fragen, die nur die Wissenschaft des Judentums beantworten kann; sie wird dadurch für uns zu einem wichtigen Korrektiv für das unaufhaltsam fortschreitende Leben, das ja ungestüm den unaufhörlichen Wandel dieser äußeren Glaubensvorstellungen und vor alleiy dieser äußeren Bekenntnisformen erzwingt. Es ist wiederum ein völliges Mißverstehen, lwenn uns vorgeworfen wird, daß wir das Leben allein zum Meister über die Religion setzen, statt daß die Religion das Leben beherrsche und lenke. Wir hätten uns dannwahrlich die Mühe sparen können, Richtlinien aufzustellen, die ja doch auch Richtlinien für die Lebensführung eines jeden von uns Liberalen bilden sollen, und die genug positive Forderungen enthalten, um mit ihrer Beobachtung einen ausreichenden religiösen Halt fürs Leben zu gewähren. Nein, wir wollen, daß die Religion das Leben erfüllt und erhebt, weiht und verklärt, ihren Segen und Trost darüber gießt. Aber wir wollen freilich nicht, daß sie das Leben überall einengt und einschnürt, daß sie nur Erschwerungen auf Erschwerungen häuft und nur Scheidewände und Mauern aufrichtet zwischen dem Leben selber, das draußen flutet, und zwischen denen, mit denen wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.