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Liberales Judentum · 1913-05-01 · Heft 5 (Mai 1913) · p. Seite 104

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 5 (Mai 1913)
Date
1913-05-01
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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104 Ar. Freudrnthal: Are Richtlinien unk-ihre Wirkung o o o o Religion in den Richtlinien in seinen Hauptgrundzügen festzuhalten versucht. Gewiß mußten wir dabei so manches außerhalb der unerläßlichen positiven Forderungen stellen, was früher höher geschätzt wurde und von denen, die überhaupt jede Entwicklung ablehnen, noch nnmer ebenso hoch geschätzt wird. Das geschah aber nicht etwa aus dem Grunde, weil wir uns sagten, daß diese Dinge doch nicht in unserem Lager gehalten werden — denn wir wenden uns ja mit den Richtlinien gerade gegen solche subjektive Willkür —, sondern weil sie nach unseren ehrlichen und gewissenhaften, religiösen und wissenschaftlichen Ueberzeugungen keinerlei grundlegende Bedeutung für das Wesen des Judentums besitzen. Was wir aber als bedeutsam fordern und aufrecht erhalten wissen wollen, das haben wir ebensowenig aus Konnivenz gegen diejenigen etwa festgehalten, die noch alles oder wenigstens etwas von den traditionellen Vorschriften halten, sondern wiederum aus derjenigen Erkenntnis des Judentums heraus, die wir aus der religionswissenschaftlichen Erforschung seiner grundlegenden Religionsquellen und seiner geschichtlichen Entwickelung gewonnen haben und nur ehrlich Ln das praktische Leben übertragen. Demgemäß geben unsere Richtlinien als Erstes die rein religiösen Grundlagen des Judentums, seine Begriffe von Gott, Mensch, Menschheit und von der Stellung Israels .innerhalb der letzteren. Was wir darüber gesagt haben, ist das Bekenntnis aller Juden, aller Zeiten, aller Richtungen Und zugleich das breite unantastbare Fundament, auf dem sich die Bedeutung des Judentums in der Vergangenheit, seine Existenzberechtigung in der Gegenwart, seine Hoffnung für die Zukunft aufbaut. Es sind dies: der Glaube an den einig-einzigen, reingeistigen, heiligen Gott, den Gott der Gerechtigkeit und Liebe; der Glaube an die Menschenseele, die, von Gott gegeben, ihren Träger mit sittlicher Freiheit und mit geistiger Kraft erfüllt und ihn zu ihrem Urbilde im Leben und im Sterben emporhebt; her Glaube an die Menschheit, die dazu bestimmt ist, im messianischen Friedensideale sich zu einen, und endlich der Glaube an Israel, welches die Vorsehung dazu auserwählte, durch die Verkündigung, Bewahrung und Bewährung seiner Lehren dieses messianische Friedensideal verwirklichen zu helfen. Kann man bei solcher Fundamentierung unserer Richtlinien wirklich noch die Behauptung unserer Gegner ernst nehmen: wir, die wir diese einzigartigen Lehren des Judentums aus ehrlicher Ueberzeugung heraus bekennen, seien keine Juden mehr? Unsere Widersacher haben uns vorgehalten, wir hätten den Glauben an einen persönlichen Gott, an das Walten der Vorsehung und an eine göttliche Offenbarung gestrichen. Ohne den Glauben an den persönlichen Gott, an die Vorsehung und an die Offenbarung, gleichviel wie man sich das eine und das andere zurecht legen mag, gibt es überhaupt keine Religion; sie sind die Vorbedingungen jeder Religionsauffassung und bedurften garnicht erst der ausdrücklichen Hervorhebung in den Richtlinien, deren Anschauungen sie vielmehr zu Grunde liegen, wenn wir von einem einig-einzigen, reingeistigen, heiligen Gott, dem Gott der Gerechtigkeit und Liebe sprechen, so geht ebenso selbstverständlich daraus hervor, daß hier von einem persönlichen Gott die Rede ist, wie aus dem Passus über das messianische Friedensideal und über die göttliche Sendung Israels der Gedanke der Offenbarung zu Tage tritt. Wenn gar der dritte Absatz von der durch die Vorsehung bestimmten j)riesteraufgabe Israels ausdrücklich spricht, so gehört schon die blinde Wut eines Fanatikers dazu, zu behaupten, das Wort bedeute hier gar nicht

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