Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Ar. FrrudrnthaL: Air Richtlinien und ihre Wirkung 103 wichtig und grundlegend gefordert werden kann, und was daneben als minder wichtig und bedeutsam erscheint, und solchen Geist der Zeit haben wir Rabbiner mit Freuden benutzt, um gerade jener schrankenlosen Willkür den Riegel vorzuschieben, um endlich einmal programmatisch darzulegen, daß die liberaljüdische Bewegung nicht mit anderen freireligiösen Strömungen zusammengestellt, daß in ihr nicht alles einfach über Bord geworfen werden kann, was uns an das historische Judentum kettet, so daß etwa nur noch ein geschichtsloser freireligiöser Gottesglaube übrig bliebe. Gerade die Abwehr solcher Anschauungen durch ein festes, positives, historisch begründetes Programm hat ja dw Betrachtung dieses abgelaufenen ersten Jahrhunderts der liberalen Bewegung allzudeutlich als notwendig nahegelegt, hat es doch so manchmal das merkwürdige Schauspiel gezeigt, daß liberale Juden ihren religiösen Liberalismus je nach dem Typus der Icharakteristischen Zeiterscheinungen mit dem liberalen Christentum oder der freireligiösen Bewegung oder der Schwärmerei für ethische Kultur identifizierten, oder daß sie ihn heute gar mit der augenblicklichen, stark werbenden Geistesbewegung, dem Rtonismus, zusammenwerfen. Ganz abgesehen von anderen inneren Gründen, die einer Identität dieser Art widerstehen, ist ein solcher völliger Verzicht auf alle Zusammenhänge mit der jüdischen Vergangenheit ganz unmöglich, historische Zusammenhänge lassen sich wohl wandeln, aber niemals sprengen, lassen sich entwickeln, aber niemals zerreißen. Das ist eben das Große an unserem modernen Begriffe der Entwickelung, auf dem unsere ganze liberale Bewegung ruht, daß er einen ständigen, jedoch in sich geschlossenen Fortschritt verbürgt, daß er alles Sprunghafte abweist und am allerwenigsten die Zertrümmerung der auf jedem Gebiete, also auch auf dem der Religion natürlichen und unentbehrlichen .Verbindungen zwischen rückwärts und vorwärts zuläßt. Darum ist es unsere theologische Pflicht gewesen, ohne jede Rücksicht auf den Radikalismus im liberalen Lager, ja sogar in Abwehr desselben dasjenige endlich einmal programmatisch festzuhalten, was sich aus der geschichtlichen Entwicklung des Judentums heraus als historisch typisch und grundlegend ergibt, und was nicht aufgegeben werden kann, ohne das Judentum selber damit preiszugeben. Gewiß vertreten wir auch bei diesen positiven Forderungen, die wir zum Rückgrat unserer Richtlinien erhoben, den liberalen Standpunkt, daß wir damit keinerlei dogmatischen Zwang aussprechen und keinerlei religiöse Polizeigewalt zu ihrer Erfüllung anwenden wollen und dürfen; wir wollen und dürfen das nicht, nicht etwa, darum, weil niemand im Judentum die Rkacht zu solchen Zwangs- und Gewaltmitteln besitzt, sondern weil jede Art von dogmatischem Zwang, von kirchlichem Bann und Ausschluß, von äußerer Nötigung zu religiösen Grundsätzen ganz und gar dem Wesen des reinen und geläuterten Judentums, des prophetischen Judentums widerspricht. Nur in diesem Sinne kann ich die in Posen beschlossene Resolution auffassen, wonach -— getreu den Grundsätzen des Liberalismus — die Stellungnahme zu den das religiöse Leben des Einzelnen betreffenden Forderungen der Richtlinien der gewissenhaften Ueberzeugung der Rlitglieder überlassen wird, eine Resolution, die im Hinblick aufdie unterdessen ergangenen Bann strahlen und Interdikte derGrthodoxie geg&n uns erst ihre volle Bedeutung gewinnt und am allerbesten erweist, auf welcher Seite das wahre Wesen des Judentums hochgehalten wird. wir haben dies wahre Wesen unserer