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Liberales Judentum · 1913-05-01 · Heft 5 (Mai 1913) · p. Seite 102

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 5 (Mai 1913)
Date
1913-05-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 Ar. Frrudenthal: Are Richtlinien und ihre Wirkung o o die markantesten Abschnitte der jüdischen Religionsgeschichte sind jedesmal durch solche Werke bezeichnet, welche 'Zusammenfassungen bpvangegartgenev langjähriger, oft vielhundertjähriger geistiger Entwickelungen darstellen. Auch die geistige Bewegung im Judentum, die man heute die liberale nennt, hat nunmehr eine reichlich hundertjährige Vergangenheit hinter sich und ist in dieser Zeit über ihren Sturm und Drang hinweg allmählich in eine ruhigere Fahrstraße gelangt, so daß der Wunsch, nach Wegweiser und Ziel Umschau zu halten, sich ganz von selber ergab; dabei konnte auch die Möglichkeit, diesem Wunsche gerecht zu werden, die bisher im ungestümen Drauf und Dran nicht gegeben war, dank fester, gewonnener religionswissenschaftlicher Resultate und dank gleichmäßiger Erfahrungen im praktischen Leben auf einem weit gesicherteren Boden fußen als je zuvor. Aus der bisherigen geschichtlichen Entwickelung des jüdischen Liberalismus aber den Schluß zu ziehen, daß er zur Programmbildung überhaupt nicht fähig sei, zeigt jenen Mangel an historischem Sinn und Urteil, der für unsere Gegner im allgemeinen charakteristisch ist, und der ja auch die Grundlagen ihrer dogmatischen Anschauungen bildet. Der wirkliche Grund für das bisherige Fehlen eines Programms ist doch klar genug. Wenn irgend eine Bewegung in der Geschichte einsetzt oder mitten im lebhaftesten Kampfe steht, kann sie sich unmöglich mit Abfassung von Programmen und Richtlinien beschäftigen. Sie richtet ihre Linien im Angriff mit ganzer Front gegen die Gesamtheit, die ihr gegenübersteht, oder stürzt sich mit voller Kraft auf diesen und jenen markanten Einzelpunkt; nie aber kann sie systematisch, nach zusammenhängenden, konseguent ineinander greifenden Formulierungen vorwärts gehen. Solche Sammlung erfolgt immer erst später, wenn sich ganze Bewegungsperioden mit ihren Einzelheiten in den Resultaten, mit ihren Fortschritten und Rückschritten, mit ihren Berechtigungen und Verfehlungen überschauen lassen, und dann allerdings wird auch ein Programm mit Notwendigkeit aus der Zeit heraus geboren^ diese drängt dann mit ebensolcher Notwendigkeit zur programmatischen Zusammenfassung^ wie einst zur Entstehung der Bewegung überhaupt. Nur wer die Erfordernisse einer Zeit ganz und gar nicht begreift, begreift auch nicht,, daß sie ganz von selber einmal zu solcher Fixierung von Richtlinien führt, und es stimmt deshalb treffend zu dem ganzen Wesen unserer Gegner, daß sie der liberalen Bewegung erst den Mangel eines Programms und jetzt die Schaffung eines solchen zum Vorwurf machen. Schlimmer freilich als dieses Nichtverstehen, das unsere Gegner, wie in diesen,, so in zahllosen anderen Fragen der Vergangenheit und Gegenwart beweisen, ist das- -Mißverstehen, das sie über die Entstehungsursachen unserer Richtlinien bekunden,, ein Mißverstehen, das so kraß ist, daß man oft genug zweifeln muß, ob es wirklich nur aus mangelndem Verständnis oder aus Absichtlichkeit hervorgeht. Sie behaupten, wir liberalen Rabbiner hätten die Richtlinien geschaffen, um dem religiösen Subjektivismus des Einzelnen die theologische Autorisierung zu verleihen, um der liberalen Willkür in der Erfüllung der religiösen Vorschriften den geistlichen Stempel der Konzessionierung aufzudrücken. In Wirklichkeit ist es doch gerade umgekehrt. Wir Rabbiner haben die günstige positive Zeitstimmung einfach zur Schaffung positiver Richtlinien genutzt. Die heutzutage allgemein wieder eingetretene Aufwärtsbewegung alles religiösen Lebens rief ja geradezu nach einer programmatischen Feststellung alles dessen, was auch für den religiös-freiheitlich Gesinnten bindend bleiben muß; sie verlangte geradezu sehnsüchtig, daß endlich fixiert werde, was als

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