Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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<0 o o o Ar. Freudenthal: Are Richtlinien und ihre Wirkung 101 schaft' zwischen den Theologen hüben) und drüben ausgefochlen werden sollten, was wir seitdem erlebt haben, war freilich etwas ungeahnt anderes. Künftige Geschichtsschreiber des Judentums werden diese Kamxfperiode, in die wir von den Gegnern hineingedrängt worden sind und nicht etwa umgekehrt, nur vergleichen können mit jenen traurigen Zeiten im Mittelalter, da Hie Anhänger des Maimonides, die Bekenner der philosophischen Wissenschaften, mit derselben Verständnislosigkeit und darum auch mit der gleichen Unduldsamkeit und Maßlosigkeit befehdet wurden, wie es unser Schicksal heute ist. Seit der posener Versammlung haben unsere Gegner sich weit mehr als unsere Anhänger unaufhörlich mit unseren Richtlinien beschäftigt, und keine Nummer der uns feindlichen Blätter erscheint mehr ohne die heftigsten Angriffe auf ihren Inhalt und, wie das in jener Presse vielfach üblich ist, ohne die niedrigsten Verunglimpfungen der Verfasser oder der Unterzeichner der Richtlinien oder derjenigen Juden, die sich zu ihnen bekennen, wenn ich darum über die Richtlinien und ihre Wirkung vor Ihnen referieren soll, so muß ich zum Verständnis dessen auch über ihre Entstehung und ihren Inhalt nochmals Einiges sagen. Ich will mich freilich nach jeder Richtung hin möglichst kurz fassen, weil diese drei Kapitel, Entstehung, Inhalt und Wirkung der Richtlinien, voraussichtlich uns noch recht oft in der liberalen Vereinigung von den verschiedensten Gesichtspunkten aus werden beschäftigen müssen. Auch möchte ich nicht über die äußere Entstehung derselben nochmals das ausführen, was jeder in Seligmanns Geleitworten Nachlesen kann, sondern nur über die Notwendigkeit ihrer Abfassung einige andere maßgebende Gesichtspunkte hervorheben. Diese Notwendigkeit lag gleichsam in der Luft. Sie wurde von jedermann unter uns empfunden, zumal es eine der beliebtesten Vorhaltungen unserer Gegner war, daß der jüdische Liberalismus gar nicht imstande sei, ein geschlossenes Programm aufzustellen. So hieß es noch 'in der neuesten, kurz vor Veröffentlichung der Richtlinien erschienenen orthodoxen Hauptschrift über die religiösen Strömungen in der zeitgenössischen Iudenheit von Dr. Tahn in Fulda (S. J2?A28) r „Durch die Leugnung der Grundlage des überlieferten Judentums blieb für die Vorkämpfer der jüdischen Reform prinzipiell irgend ein Teil seines positiven Inhalts nicht übrig, und aus diesem Tatbestand erhält die Frage, warum die Begründer des Reformjudentums weder ein System noch ein Prinzip noch ein Programm dieses von ihnen neu erfundenen Judentums aufzustellen imstande waren, ihre Antwort." Auch aus der Mitte unserer eigenen Anhänger wurde hundert Male die Frage laut: „was ist und will denn nun eigentlich das liberale Judentum?", oder die mehr persönlich zugesxitzte Frage: „was an der jüdischen Religion ist so bindend und verpflichtend, daß ich es auch als liberaler Jude halten muß? was darf ich tun und was darf ich nicht tun; was muß ich festhalten, um als guter Jude noch zu gelten, was kann ich lassen, ohne deshalb gleich als sündhafter oder gar abtrünniger Jude zu erscheinen?" wer die Geistesgeschichte der Menschen kennt, der weiß auch, daß regelmäßig nach dem Abschwellen starker geistiger Strömungen eine solche Zeit einsetzt, in welcher der Wunsch nach einer Zusammenfassung gewonnener Resultate laut wird, das Sehnen nach einem gewissen programmatischen Abschlüsse sich aufdrängt, das verlangen nach feststehenden Orientierungspunkten sich aufs lebhafteste kundgibt. Die jüdische Geistesgeschichte ist, vielleicht zusammenhängend mit dem praktischen Sinn des Juden auch in seinem spekulativen Denken, geradezu typisch für solche Erscheinungen;