Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 95 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Rundschau: München 95 Der religiöse Liberalismus sei nichts weniger als ein Ableger des protestantischen Liberalismus. Beseelt von der Gottesidee und dem hohen Gehalt der Sittenlehre des Judentums will der Liberalismus die nicht zum kleinsten Teil durch die Sünden eines schlechten Religionsunterrichts entfremdeten Kreise wieder dem Judentum zuführen. Nicht ein Wort-Judentum wollen wir schaffen, wohl aber ein Judentum, das im Linklange steht mit dem Kulturbewußtsein unserer Zeit. Nicht niederreißen wollen wir, sondern Lehre und Leben zu vereinigen suchen. Wir klammern uns nicht an den Buchstaben. Das Zehnwort ist fest in unserem Kerzen verankert, wenn die ehernen Tafeln auch nicht vor uns stehen. Wir glauben an eine gottgewollte Entwickelung der Menschheit, wir betonen mit Nachdruck das allgemeine Priestertum ganz Israels. Aber wir schätzen die Frömmigkeit des Einzelnen nicht nach dem Maße äußerer Uebungen ein. Formen sind nicht entbehrlich ohne die Gefahr der Verflüchtigung des Gedankens, aber der moderne Mensch, der seine tiefsten Gefühle in sich verschließt, bedarf ihrer nicht in solchem .Maße, wie der antike Mensch. Mit Gewalt der jetzigen Generation völlig Fremdgewordenes aufpfropfen zu wollen, wäre ganz verkehrt. Auch die dem Liberalismus Fernstehenden dürfen nicht vergessen, daß sie die Formen nicht in unveränderter weise innehalten. Unter den religiösen Betätigungen steht uns voran Sabbat und Festfeier. Der Sabbat-Tharakter ist nicht allein Ruhe, sondern religiöse Weihe. Aber auf Einzelheiten soll der Nachdruck nicht gelegt werden. Jeder soll feiern und beten, so wie er sich am besten die Festesfeier und Festesheiligkeit erhöht. Die großen Gesichtspunkte kommen in Betracht. — >; "lii.j; Gottesdienst und Schule sollen Geist und Gemüt der Jugend befriedigen, auch der weiblichen Jugend, deren Religionsunterricht eine liberale Schöpfung ist, in schweren Kämpfen den am Alten hängenden abgerungen. Die Schule muß sich fernhalten vom j)arteiunterricht, pädagogische Vertiefung ist die Hauptforderung. Der Gottesdienst soll Sorge tragen für Erbauung und Belehrung. Auf örtliche Verhältnisse muß Rücksicht genommen werden. Erforderlich ist die Achtung (nicht nur Toleranz) vor der Ueberzeugung der anderen, wo es gilt, Bestehendes zu beseitigen, muß das mit Schonung und Besonnenheit geschehen. In Erbpacht hat keiner das Judentum genommen. Ls ist stets ein Streit, der „um Gotteswillen" geführt wird. Und die liberalen Rabbiner? wenn sie alles gehen ließen, wie es geht, sie würden es wahrlich leichter haben; aber sie betrachten sich als Hüter eines wertvollen Erbes. Th. v. Schön sagt: „wenn man die Zeit nicht nimmt, wie sie ist, und das Gute daraus ergreift und es in seiner Entwickelung fördert, dann straft die Zeit." Allen denen, die uns vorwerfen, daß uns die spezifisch jüdische Note fehle, erwidern wir: „Das spezifisch Jüdische besteht nicht in dieser und jener einzelnen Form, sondern darin, daß alles von dem Geist der jüdischen Religion durchdrängt ist. Nicht eine flache Morallehre wollen wir haben und lehren, sondern was unsere Vorfahren mit ihrem Herzblut bezahlt haben, für die Zukunft erhalten. Die aber haben ihr Herzblut hingegeben nicht um Einzelheiten, sondern für die großen ewigen Gedanken und Lehren des Judentums." Reicher allgemeiner Beifall lohnte den Redner. Er bewies — wie der Vorsitzende ünt Recht in seinem Schluß- und Dankeswort betonte —, daß auch die dem Liberalismus nicht zuzurechnenden Anwesenden diese Bewegung und ihre Führer verstehen und würdigen lernen. München. (Vortrag des Juftizrat Breslauer.) Am Dienstag, den f8. März a. c. sprach in einer zahlreich besuchten Mitgliederversammlung der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, Herr Justizrat Breslauer aus Berlin, über: „Unser jüdisch-liberales Glaubensbekenntnis." Nach herzlichen Begrüßungsworten des Vorsitzenden, Herrn Albert Landauer, führte der Herr Referent Folgendes aus. Er warf zunächst die Frage auf, was denn das Judentum sei, das er und seine Glaubensgenossen bekennen. Einst habe es eine jüdische Nation, ein jüdisches Volk gegeben, sie seien dahin geschwunden,- das Judentum aber sei geblieben. Der durch die Zusammendrän-