Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 94 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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94 Rundschau: Königsdrrg o o o o Die Versammlung hatte hiermit ihr Ende erreicht, sie hatte in einigen Stunden einer anregenden Aussprache das Resultat gezeitigt, daß der Gedanke der Gründ u n g eines p ro v in z ia l v e r b a n d e s als durchaus notwendig erkannt wurde, daß der Zusammenschluß der Ortsgruppen und L i n z e l Mitglieder nur anregend und befruchtend auf die lib eral e Id ee ernwir - ken könne, und daß die heute erfolgte Gründung des provinzialverbandes einen großen Schritt vorwärts in der Entwickelung der liberalen Vereinigung bedeutet. Königsberg. (Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Vogel st e i n.) ZITit Rücksicht auf die — nach Veröffentlichung der Richtlinien — gegen die Liberalen und besonders gegen die liberalen Rabbiner erhobenen schweren Anklagen, sah sich ein aus Anhängern der verschiedensten religiösen Richtungen bestehendes Komitee veranlaßt, Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein um einen Vortrag über die Bestrebungen der Liberalen in öffentlicher Versammlung zu bitten. Der Saal war übervoll. Alle kamen sie, Liberale, Orthodoxe, Mittelparteiler, nur — die Zionisten blieben fort, wenigstens offiziell. Liner ihrer Führer hatte, wie der Vorsitzende der Versammlung, Herr Iustizrat Holz, bekannt gab, tagszuvor angefragt, ob eine Aussprache ftattfinden werde. Nachdem dies verneint, dagegen die Beantwortung zur Aufklärung gestellter Fragen seitens des Vortragenden in Aussicht gestellt wurde, fei kurz vor Beginn der Versammlung ein Schreiben eingelaufen mit der Erklärung, daß die Zionisten sich gezwungen sähen, der Versammlung fern zu bleiben, da es nicht gestattet sei, dem „Gegner" (der Herr Vorsitzende nagelte dieses Wort besonders fest) ohne Beschränkung zu erwidern. Der Vortragende führte aus, weshalb er, dem man ängstliches verbergen seiner Ueberzeugung nicht nachsagen werde, es bisher vermieden habe, innerhalb seiner Gemeinde in öffentlicher Versammlung über religiöse Fragen einen Vortrag zu halten, obwohl der Rabbiner nach jüdischer Auffassung nicht Priester, sondern Volkslehrer sei. lieber die mancherlei Bedenken habe er sich nach den in letzter Zeit gegen die Ansichten, Absichten und Maßregeln des Liberalismus erhobenen Angriffe hinweggesetzt. Aber nicht Propaganda wolle er heute treiben, sondern lediglich aufklärend wirken, ohne Polemik gegen eine andere Richtung, am wenigstens gegen den als eine politische Partei anzusprechenden Zionismus. Zwei Hauptrichtungen gibt es, Konservatismus und Liberalismus. Der erftere sieht auch im kleinsten der Religion göttliches, unzerbrechliches, der letztere hält auch die Religion für den Entwicklungsgesetzen unterworfen. „Lebendige Religion", sagt Steinthal, „ist mehr als ein Lehrbegriff. Kritik der Religion ist höchste religiöse Pflicht. Wenn Fortschritt überall Merkmal des Menschentums ist, wie sollte sich dieser nicht auch gerade auf dem höchsten Gebiete menschlichen Geistes zeigen, auf dem der religiös-sittlichen Erkenntnis und Betätigung?" Wie hier die Berechtigung des religiösen Liberalismus theoretisch gezeigt ist, so spricht erst recht für sie die geschichtliche Betrachtung. Die Kritik der Propheten gegenüber dem stagnierenden Priestertum, .die Kritik der Pharisäer gegenüber der Starrheit des Sadduzärismus, die Gegnerschaft der Rabbaniten und Karäer, die positive Kritik der Religionsphilosoxhen — dann schläft alles innerhalb der dunklen Ghettomauern bis es sich wieder zu regen anfängt durch die Bibelübersetzung Mendelssohns, bis die Kämpfe einsetzen um die deutsche predigt und den Religionsunterricht. Auch die Neu - Orthodoxie ist ein Kind der kritischen Betrachtung der Religion. Der religiöse Liberalismus anerkennt die Bedeutung der Tradition als „ebenbürtiger Tochter der Offenbaurng" und will nicht wurzellos im Judentum dastehen, aber nicht der Buchstabe bindet, sondern der Geist erst gibt ihm! das Leben. Wie stets die Entwickelung im lebendigen Flusse geblieben sei, was Redner an einer Anzahl bezeichnender Beispiele zeigt, so fordern auch wir diese Entwickelung im Interesse des Judentums, „aus Religion".. Die letzten vierzig Jahre des neunzehnten Jahrhunderts mit ihrer materialistischen Weltanschauung hatten eine religiöse Neuordnung im Gefolge. Maßstab war nur Uebung oder Nichtübung religiöser Formen. Die Bestrebungen des Liberalismus sind nicht identisch mit der jüdischen Reformgemeinde.