Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 88 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Herr Ar. Mohigernrrth und die Richtlinien Das „Religionsgesetz" macht uns persönlich wenig Schmerzen. Nicht die Zeremonie, sondern der trostlose Zustand unsres Judentums ist die Last, die wir nicht ertragen können. Das orthodoxe Lieben ist uns kein Martyrium, aber ein Martyrium ist uns, die Zerrissenheit unserer Zeit sehen zu müssen; wie die Rinder das Vaterhaus verlassen, wie eins nach dem andern hinauszieht, weil ihnen das alte, enge, drückende Vaterhaus nicht mehr gefällt. Ihr lasset sie hinausziehen und sprechet: „Mögen sie ziehen, wenn wir sie nicht halten können, wir Zurückbleibenden wollen uns um so fester aneinanderschließen." Wir aber wollen ihnen das Vaterhaus wieder lieb machen, indem wir es ihnen so wohnlich einrichten, daß sie von ihm festgehalten werden. Ihr saget nur immer gegenüber allen Anforderungen der veränderten Zeit: „wir können nicht!", ein Standpunkt ähnlich dem des Heine'schen Grenadiers: „was schert mich Weib, was schert mich Rind, ich trage weit bessres Verlangen; laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind!" wir aber wollen ihren religiösen junger stillen; gehts nicht mit dem alten Brot, so müssen wir neues Brot aus dem bewährten alten Mehl ihnen bereiten. Wir sind liberal aus Ronservatismüs, weil wir sehen, daß auf andren: weg unsre Intelligenz, unsre Jugend nicht zu erhalten ist. Ihr seid konservativ, weil euch nicht das Feuer, wie uns, in der Seele brennt, die Entfremdeten wieder zu gewinnen, und weil ihr vor allem nicht an eine neue religiöse Zukunft des Judentums, glaubt. Ihr schauet nur immer zurück, wir schauen vorwärts und bauen der Zukunft eine Straße. Ihr schauet nach Osten, zUr Gräberstätte der Menschheit, zur Rinderwiege unseres Volkes, wir schauen nach Westen, nach dem Lande der neuen Lebensentfaltung^ und sehen, daß in Nordamerika große, blühende, opferfreudige jüdische Gemeinden auf dem Boden des religiösen Liberalismus sich erheben, Zeugnis ablegend von der ewigen Verjüngungskraft des Iudentunrs. wie Amerika uns um fünfzig bis Hundert- Jahre voraus ist, so sind wir fünfzig bis hundert Jahre der deutschen Orthodoxie voraus. was sie heute verketzert, wird sie in hundert oder zweihundert Jahren heilig, sprechen. So gings mit der deutschen Bildung, mit der predigt, mit dem Religionsunterricht. Es meint es wahrlich niemand so gut mit dem Judentum, wie der Liberalismus, wer kämpft so mit dem Aufgebot alles Idealismus für eine Sache, bei der meist Undank der Lohn ist? Wer ist so gewiß des Angriffs, daß er mit Mendelssohn, als er seinedeutsche Bibel herausgab, zitieren kann: „Ich nahm meine Seel' in Sünden, richtete mein Auge auf die Berge und gab meinen Rücken den Schlägen preis."72) Aber wenn wir auf alles gefaßt waren, auf eines waren wir nicht vorbereitet: Rabbinern, die sich einsetzen mit ihrem ganzen Leben, mit ihrer ganzen Tatkraft für die Erhaltung des Judentums, für die Gewinnung der Jugend, vorzuwerfen, daß ihr Religionsunterricht eine Gefahr für die jüdische- Jugend bedeute, Rabbinern, die speziell gegen den Abfall, gegen die Taufe den Rampf in allererster Reihe kämpfen, die Allklage ins Angesicht zu schleudern, daß sie das Judentum verchristlichen, das übersteigt den Gipfel des erlaubten, das legt Zeugnis ab von einer Gesinnung, die vor keiner Unwahrhaftigkeit zurückschreckt ad majorem dei gloriam. Gegenüber solchen demagogischen Verhetzungsmitteln reißt uns endlich der Faden 72) Aus einem Brief Mendelssohns, Ges. Schr. VI, S. 452.