Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 87 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126558-3126563--1421-3128234- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Q O 0 9 Herr Ar. Wohlgemut!) und die Richtlinien 87 Denken der Väter entfremdet und entzogen haben, legen Zeugnis ab wider euch. Diese Knterrichtsmethode, die zu dem Leben keine Stellung nahm, die jeder ernsten Frage auswich, jeden Konflikt verschleierte und. die großen Gegensätze der Zeit mit Stillschweigen überging — diese Unterrichtsmethode mit ihrenr krampfhaften Festhalten an einem nirgends als in der Theorie bestehenden Judentum — auch sie gehört mit zu dem ganzen System der Selbsttäuschung der Orthodoxie und vornehmlich der Halborthodoxie, die das religiöse Leben verkümmern lieh und das Judentum in den Zustand trauriger Lethargie und Auflösung brachte. Wer das eingesehen hat und als Lehrer und Führer des Judentums dazu schweigt, der begeht ein Verbreche?: am Judentum und an seiner Zukunft. Nur die Wahrheit kam: uns helfen. Nicht auf die Blinden, die die Wahrheit nicht sehen, sondern auf uns alle, die wir sie erkannt und bisher geschwiegen haben, rächt auf diejenigen, die anr grünen Tische sitzen und die Not der Zeit nicht fühlen, sondern auf die im Leben stehenden, die sie nicht sehen wollen, auf die Feigen und Bequemen, bezieht sich das Motto, das ich diesem Kapitel vorangesetzt: „Wer die Wahrheit kennt und saget sie nicht, der bleibt fürwahr ein erbärmlicher Wicht." Herr Dr. Wohlgemuth scheint die Not der Zeit wirklich nicht zu fühlen. Tr scheint ein recht weltfremder Herr zu sein. Sonst hätte er nicht schreiben können: „Nicht auf die ,bittere Not der Zeit', nicht auf ,die gefährdete Lage des Judentums', auf die Unterzeichner allein und auf. ihren engeren Anhang wird dis Geschichte die volle Verantwortung wälzen für das nun unvermeidlich gewordene Entstehen eines Schisma, wie es das Judentum in seiner dreitausendjährigen Geschichte noch nicht gesehen." Wie? Die Lage des Judentums wäre, nicht gefährdet? Es gäbe keine bittere Not der Zeit? Ist die Abwendung von mehr als fünfmalhunderttansend deutschen IudenO von dem religiösen Leben der Väter keine Not der Zeit? Ist die Herrschaft des Monismus in den Köpfen unserer Intelligenz keine Not der Zeit? Ist die Wellhausen'sche Bibetkriäk, die die Grundlage jedes orthodoxen Glaubens unterwühlt und des Fundamentes beraubt, keine Not der Zeit? Ist das Hereinfluten außerjüdischer Bildungselemente, die mit ihrem Glanz die alte Herrlichkeit des Judentums verdunkeln, keine Not der Zeit? Ist der ungeheure Weltverkehr und das hastende wirtschaftliche Leben, die wie ein feindliches Heer das Judentum umlagern und Wall um wall erobert und niedergerissen haben, keine Not der Zeit? Ist die durch den Eintritt der Juden in das Staatsgefüge notwendig genwrdene Unterwerfung unter die Staatshoheit auf zivilrechtlichem, auf eherechtlichem (obligatorische Zivilehe), auf zeremoniellem (Militärdienst am Sabbat rc.) Gebiete, keine Not der Zeit? Ist die Mischehe, das Dissidentsntum, die Taufe keine Not der Zeit? Soll alles ruhig so weiter gehen, wie es bisher gegangen? Oder ist nicht eine gewaltige Selbstbesinnung und Kraftanstrengung des gegenwärtigen Judentums notwendig, um dieser Not der Zeit, die nicht mit Verdammungsurteileu und Ketzerbullen abgewendet wird, zu steuern? G, wie leicht, wie unsagbar leicht ist es, in dieser Zeit orthodox zu sein. Es ist das dankbarste und bequemste auf der Welt. Man läßt sich tragen von der Gunst des treuen Häufleins, das zu einem steht und vom Wohlwollen derer, die nicht aufgerüttelt werden wollen. Die Orthodoxie ein Opfer? G, das ist kein Opfer, sich ein paar Genüsse zu versagen, die wir liberalen Rabbiner übrigens größtenteils so gut wie jene uns versagen. Für uns wollen wir wahrlich keine Erleichterung. 71) Nicht zu reden von den italienischen, französischen, belgischen, skandinavischen rc. Inden.