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Liberales Judentum · 1913-04-01 · Heft 4 (April 1913) · p. Seite 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 4 (April 1913)
Date
1913-04-01
Page
Seite 86 (sequence 14)
Language
German
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o o 0.0 86 Herr Ar. Wohlgemutst und dir Richtlinien Aber sie werden es nicht tun. Sie werden weiter ihre unselige Vogelstraußpolitik treiben wie sie es bisher getan haben. Zn den unglaublichsten Entgleisungen dieser Vogelstraußpolitik gehört der vorletzte Absatz der Erklärung der traditionell-gesetzestrencn Rabbiner, welcher lautet: „Ein im Sinne der Richtlinien' erteilter Religionsunterricht bedeutet eine Gefahr für die jüdische Zugend." Run höre man aber, was die Richtlinien über den Religionsunterricht sagen: „Der Religionsunterricht soll die Heranwachsende Zugend zu sittlicher Lebensführung und religiöser Weltanschauung, zu Ueberzeugungstreue und lebendiger Anteilnahme am religiösen Leben der Gemeinde erziehen. Ilm dieses Ziel zu erreichen, hat er die Aufgabe, das alte heilige Schrifttum Zsraels, auch in seiner Ursprache, kennen und lieben zu lehren und seine unvergängliche religiöse Bedeutung aufzuzeigen; Verständnis für die Entwicklung der jüdischen Religion anzubahnen, Begeisterung für die Geschichte des jüdischen Volkes wachzurufen, unter unbefangener Anerkennung der Wissenschaft in die Fragen der Weltanschauung und in die religiösen Probleme der Gegenwart einzuführen, vorhandene Gegensätze zu traditionellen Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen mit Würdigung ihrer historischen Bedeutung taktvoll zu behandeln und mit der Treue zum Väterglauben die Liebe zun: Vaterlande und den Sinn für die Aufgaben der Menschheit zu wecken." Wie? Der im Geist dieses Paragraphen erteilte Religionsunterricht bedeutet eine Gefahr für die jüdische Zugend? Rann man nicht mit größerem Rechte behaupten: Lin nicht im Sinne dieses Paragraphen erteilter Religionsunterricht bedeutet eine Gefahr für die jüdische Zugend? Welcher Segen läßt sich von einem Unterricht erwarten, der als das Wesen des Zudentums die peinliche Beobachtung von Formen und Bräuchen lehrt, die von Eltern und Rindern nicht gehalten werden? Was ist das für ein Religionslehrer, der seine eigene Gemeinde für eine gottesleugnerische und ihr Leben für einen Abfall vom Zudentum halten muß? Gewiß soll die Religion das Leben meistern; aber die Religion und nicht das, was nicht als Religion von der weitaus größten Masse der deutschen Zuden, die mit Herz und Seele Zuden sind und sein wollen, empfunden und gehalten wird. Nichts ist törichter als der ohnmächtige Rampf gegen unabänderliches, unwiderbringliches. Es nützt nichts, Aug' und Ohr zu verschließen und so zu tun, als wäre keine neue Zeit für das Zudentum gekommen. Wie lange läßt sich die Wahrheit unterdrücken? Lehret nur eure Schüler, daß sie und ihre Eltern Sünder seien, setzet euch nur in dauernden Gegensatz zur-Wissenschaft und zur Wahrheit, und ihr werdet die Frucht schauen! Zu lange schon ist zum Unheil des Zudentums vertuscht und verschwiegen worden. Der bisherige Religionsunterricht redet zumeist „von allen Dingen, nur von denen nicht, die am meisten not tun, von den Zweifeln und Rümpfen, von den Fragen und Schmerzen, die das gegenwärtige Zsrael durchzucken. Man spinnt sich ein in das Traumschloß vergangener Herrlichkeit, man lehrt und predigt, als wäre alles in schönster Ordnung, als ginge kein Riß durch das heutige Zudentum."7") Zhr habt Schiffbruch gelitten mit eurer bisherigen Unterrichtsmethode. Die Generationen, die aufgewachsen sind in Gleichgiltigkeit gegen das ganze Zudentum, die Tausende und Abertausende, die sich in immer breiteren Massen dem religiösen Leben und 70) Aus der Vorrede zu „Seligmanu, Judentum und moderne Weltanschauung".

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