Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3126481-3126558-3126563--1413-3128226- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herr Ar. Mohlgernrrth und die RLchtUnirn 79 Ist so schon von vornherein durch den ganzen Tharakter der orthodoxen Wissenschaft erwiesen, daß sie nichts weiter sein kann als eine Apologie ä tout prix, deren Resultate vor jeder Untersuchung unantastbar fest und fertig dastehen, so sei doch in dieser speziellen Frage, in welcher Lferr Dr. Wohlgemuth mich in so ungehöriger Weise öffentlich provoziert und der mangelnden bona fides beschuldigt hat, durch wissenschaftlich urrwiderlegliche Berveise dargetan, daß Gesetzesveränderungen in kleinen Dingerr zu jeder Zeit, und in großem Stil bei allen großerr geschichtlichen Umwälzungerl des Judentums stattgefunden haben. Die im Talmud aufgezählten zeitwei - f e n Aufhebungen vieler Thoragebote in biblischer Zeit will ich übergehen; nur die G ru n d sä tze, auf welche diese Suspensionen nach dem Talmud sich stützen, verdienen hier angeführt zu werden: „Wenn es Zeit ist für Gott zu wirkerl, darf Man epochen durchlaufende Entwicklung - Nachweise." (S. 305.) Wenn nran diese Bolz und Baentsch aber nachliest, wie ganz anders stellen sie sich dem unbefangenen Leser dar. Ist Bolz für Herr Dr. Cahn auch ein Kronzeuge, wenn er sagt: „Unsicher ist, ob die Religionsstiftung auf irgend eine m geschichtlicher: Ereignis fußt und auf welchem"? (Bolz, Mose S. 88.) „Ob Mose den Dekalo g ausgab, ist gegenüber der Tatsache, daß er (er, nicht Gott!) die sittliche Religiosität schuf, unwichtig." (S. 84.) „Eine streng geschichtliche Quelle (über die P e r s o n u n d das Werk Moses), auch nur eine kurze streng geschichtliche. Nachricht aus alter Zeit besitzen wir nicht." (S. 15.) Und BaentschhAltorientalischer und israelitischer Monotheismus) schreibt: „Wir sind nur: leider nicht mehr ir: der Lage, uns die religiöse Gedankenwelt des Moses und speziell seinen Gottesgedanken mit vollkommener Deutlichkeit u::d Sicherheit vorstellig zu rnachen, dern: die Berichte über sein Werk staminen aus so viel späterer Zeit, daß wir sie nicht ohne weiteres als ,Urkunden' verwerten dürfen." S. 83; vgl. daselbst S. 86, 88, 90 und 63 ff.). — Lieb eloheeho Jisroel! Und mit diesen Waffenbrüdern will Herr Proviuzialrabbiner Dr. Cahn,das orthodoxe Judentum wissenschaftlich retten! die Thora aufheben."^) „So groß ist die Achtung vor den Menschen, daß man um ihretwillen ein Thoraverbot aufheben darf."* 2") „Die jüdische Behörde hat die Macht, ein Gesetz der Thora abzuschaffen, um die Uebertretung eines schlimmeren Verbotes zu verhüten."-^) Nach dem Bericht des Talmuds sollen während der Trauerzeit nrrr Mose tausende von Gesetzesbestirrrrnurrgen, die er milgeteilt hatte, vergessen worden sein. Der Richter Othniel habe dieselben durch seinen Scharfsinn wieder gefunden?") Da aber in Wirklichkeit nur wenig Gesetze als Bestimmungen des Mose vom Sinai her überliefert sind, müßten zahllose verloren gegangen oder aufgehoben worderr sein! Doch legen wir dieser legendenhaften Grzählung unsererseits keine allzu hohe Bedeuturrg bei. Die Orthodoxie freilich nrüßte darnit fertig zu werden suchen. Ungleich wichtiger als die vorübergehenden Gesetzessuspensionen sind die bleibenden Aufhebungen ausdrücklicher Thoragebote. Und alle Trklärungs- und Rechtfertigungsversuche der Rabbiner schaffen die Tatsache nicht aus der Welt, daß u. a. folgende Thoragebote vom Talmud oder den späteren Rabbinen aufgehoben wurden. Irr der Thora gibt es eirr eirrziges vorgeschriebenes Gebet, das in jedem dritten Jahr von den Israeliten gebetet werden mußte: „Ich habe weggeschafft das heilige aus dem lsause und habe es auch gegeben dem Leviten und dem Fremdling, der Waise und der Witwe, ganz nach deinem Gebot, welches du rnir geboten Haft; ich habe nichts 1£)) Berachoth 54a, 63a- Joma 69a. 2") Berachoth 19b und 20a. 21) Jebamoth 90b. Bgl. ferner: „Oft ist die Aufhebung der Thora ihre Befestigung" (Menachoth 99b). „Besser, daß ein Satz der Thora ausgehoben, als daß der Name Gottes entweiht werde" (Jebamoth 79a). ") Temura 16a und b.