Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 o o o o Herr Ar. Mshlgemuth und dir Richtlinien schlag belegt, eine Wissenschaft, deren Hauptforce seit S. N. Hirsästs „ersten Mitteilungen" darin bestand, sich jedem wissenschaftlichen Werk des Judentums an die Ferse zu heften, und wo sie ein Zitat unter hunderten als ungenau, eine Stelle unter zahllosen als unrichtig aufgefaßt konstatieren konnte, kläffend und beißend über das Werk und seinen Autor herfiel und seine wissenschaftliche Bedeutung in den Staub zerrte, eine Wissenschaft, deren erster Begründer selbst zugestanden hat, daß wenn die Wissenschaft seine Orthodoxie erschüttere, er lieber auf die Wissenschaft, als auf die Orthodoxie verzichte/') und deren jüngster Kämpe, Herr j)rovinzial- Nabbiner Dr. Lahn in Fulda erklärt: Das Judentum „trägt als die Geistesschöpfung Gottes seine Bürgschaft in sich selbst und duldet, einzigartig wie es ist, keinen Maßstab der Beurteilung, 'der irgendwelchen anderen Gedankenkreisen entlehnt ist"^) — eine 17) Jeschurun VII. Jahrg. S. 357: Denn wenn es in der Tat'keine andere Alternative gäbe, wenn jedes wissenschaftliche Streben notwendig die Tendenz in sich tragen müßte, das Judentum, wie es dem Hause Israel als ewige n immerzu verkürzende Aufgabe gegeben ist (d. h. das orthodoxe Judentum), in seinem Innersten zu erschüttern, dann allerdings, wenn wir nur die Wahl hätten,. zwischen (orthodoxem) Judentum und Wissenschaft, dann eben hätten wir keine Wahl, dann entschiede sich jeder (orthodoxe) Jude ohne Wei- Leres ,lieber ein Tor zu sein all seine Lebenstage, als eine Stunde ein Sünder zu sein vor Gott'! (im Original steht der hebräische Text). Lieber Jude ohne Wissenschaft — als Wissenschaft ohne (orthodoxes) Judentum." *8) „Die religiösen Strömungen in der zeitgenössischen Judenheit" S. 296. Man vergleiche auch S. 298: „Wie nichtig und darum vermessen muß es erscheinen, wenn man sich unterfängt, die sprachkritische Sonde an das Werk des Allmächtigen und Allweisen anzulegen, die Thorah, die einzig und unvergleichlich und erhaben ist wie Gott selbst, nach den Prüsungs- und Beurteilungsmaßstäben des irrenden menschlichen Denkens zerlegen und zerteilen zu wollen." — Was sollen wir mit einer solchen „Wissenschaft" ansangen? Aber diese Pseudosolche Wissenschaft soll sich jeden andern Namen beilegen, nur nicht den stolzen freien Namen „Wissenschaft!" Freie Wissenschaft hat noch nie ihr Haupt vor einer andern Göttin gebeugt als vor der Wahrheit, freie Wissenschaft ist eine stolze Königin, aber nicht ancilla theologiae, die Magd des orthodoxen Glaubens. Wissenschaft entblödet sich nicht, in der oben geschilderten Weise im Namen der Wissenschaft über- Maybaum und Lazarus, über Köhler und Cohen, und viele andere herzufallen und ihre wissenschafrliche Bedeutung herabzusetzen. Die froh begrüßten Waffenbrüder für den Kanipf des Herrn Provinzialrabbiner Dr. Cahn gegen die Vertreter der libe-- ralen jüdischen Wissenschaft sind die christlichem Orientalisten und Theologen Wincklcr, Baentsch und Bolz. Mit jubelndem Pathos beruft er sich auf Wincklcr, indem er ausruft: „Da tat die Erde ihrem Mund auf . . . Der Genius der geschichtlichen. Wahrheit wies auf die Dokumente, die nach Jahrtausenden, dem Innern der Erde entsteigend, das Lügengebäude jener aufgeblähten Selbstvergötterer in Splitter schlugen. Der Tell-el-Amarnafun^ ganz allein ist, wie H. Wincklcr mit Recht bemerk^ der Tod aller Entwicklungstheorie. Die an solchem Erlebnis teilgenommen haben, sollten daraus die Lehre ziehen, daß künftighin selbst die allergeiftreichste Hypothese . . . nie und nimmer als eine Erschütterung der Gotteswahrheit angesehen werden sollte." Dieser Hugo Wincklcr aber (Geschichte Israels II, S'. 209), auf den sich Dr. Cahn beruft, vertritt die wissenschaftliche Anschauung, daß es „vom Standpunkt unserer modernen Anschauung aus unmöglich ist, in Gestalten wie der des Abram oder des Moses geschichtliche Personen zu sehen." Pon Baentsch und Bolz redet Dr. Cahn in den Ausdrücken enthusiastischen Ueberschwangs. Durch ihre Anschauungen, so sagt er, „wird derjenige^ der sich nicht an die jeweiligen Schulauffassungen knechtisch bindet, den Weg der Rückkehr zur altjüdischen Ueberzeugung sich eröffnet sehen." (301.) „Welch eine klägliche Seichtigkeit verrät doch gegenüber jenem hohen Streben nach Erfassung des einen großen Urquells des Judentums, zu deni ein Bolz voll anbetender Bewunderung emporblickt, die Frage Köhlers, was aus der Thorah als der göttlichen Urkunde und Grundlage des Judentums werden solle, wenn die heutige Forschung im Gesetzessystem eine. vielerlei Gefchichts-