Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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o 0 o o Herr Ar. Mshtgemuth und dir Richtlinien 77 den bestritten worden.Und was Mendelssohn betrifft, hat er nicht in seinem Schreiben an Lavater erklärt: „Ich werde es nicht leugnen, daß ich bei meiner Religion menschliche Zusätze und Mißbräuche wahrgenommen, die leider! ihren Glanz nur zu sehr verdunkeln. Melcher Freund der Wahrheit kann sich rühmen, seine Religion von schädlichen Menschensatzungen frei gefunden zu haben? Mir erkermen ihn alle, diesen vergiftenden Hauch 'der Heuchelei und des Aberglaubens, so viel unserer sind, die wir die Wahrheit suchen, und wünschen, ihn ohne Nachteil des Wahren und Guten abwischen .zu können?"1G) In Wirklichkeit hat das Judentum, einschließlich der Neu-Orthodoxie, zahllose Linzelgesetze ja ganze Gesetzeskomplexe aufgehoben oder stillschweigend fallen gelassen, und daß die Orthodoxie dies nicht einfehen oder nicht zugestehen will, gehört auch zu dem ganzen System der Selbsttäuschung, der sie sich hingibt. Herr Dr. Wohlgemuth setzt sich auf das hohe Roß und redet von der „so oft widerlegten Antwort der Reform", die wir „aufzutischen kein Bedenken tragen", und versetzt uns einen seiner beliebten Hiebe, indem er von unsrer „Pietätlosigkeit und mangelnden Historizität" spricht, „wie wir sie nur von christlichen Theologen in Beurteilung jüdischer Dinge gewohnt s i n d". Ja, Herr Dr. Wohlgemuth hat die Stirn, hinzuzufügen: „Gb aber der Generalreferent selbst ganz daran geglaubt hat?" Herr Dr.! Nur die Vermutung, daß Sie selbst nicket wissen, was Sie da gesagt haben, schützt Or Adonoi 3.5,1;Jkkarim III. 14, 15 u. 16. (Siehe besonders die Stelle am Ende des 14. Kap.: .Wie für ein Kind die angemessenste Nahrung Milch ist, für den Erwachsenen aber Brot, Fleisch und Wein, so können die göttlichen Gesetze nach den verschiedenen Zeiten verschieden sein.") ie) Ges. Schr. 331, 41 s. Vgl. auch den 8. Brief an Herz Homberg V, S. 669. Sie davor, daß ich Ihnen die Antwort auf diese persönliche Beleidigung gebe, die Ihnen gebührt. In diesen Dingen verstehe ich keinen Spaß. Doch kommen wir auf die Sache zurück. Also die orthodoxe Wissenschaft soll die Behauptung der Reform von den tiefgreifenden Gesetzesveränderungen des Judentums widerlegt haben? Ach die orthodoxe Wissenschaft! Tine contradictio in adjecto! Wissenschaft ist frei und Orthodoxie ist gebunden. Wenn Orthodoxie, dann keine Wissenschaft, wenn Wissenschaft, dann keine Orthodoxie. Wo die eine blüht, muß die andere verdorren. Denn eine Wissenschaft, die nur innerhalb der vier Ellen der Halacha sich bewegen und keinen Zoll weiter gehen darf, weil sie sich fürchten muß vor ihren eigenen Resultaten, eine Wissenschaft, die in ihrem engen Räfig jede weite des Blicks verloren hat und heute noch auf dem naiven Glaubensstandpunkt der kirchlichen Scholastik steht, eine Wissenschaft, die einen Index verbotener Bücher für Lehrerfortbildungskurse führt, die vor den klarsten Aussagen und Tatsachen der Geschichte Auge und Ohr verschließt, wenn sie mit ihrer gebundenen Meinung und Ueberzeugung nicht übereinstimmen, die aber jede schwankende Hypothese, so sie ihre Theorie unterstützt, als Iboras Noseks ausposaunt, eine Wissenschaft, die tausend unwiderlegliche Zeugnisse, die sie Lügen strafen, nicht sieht, um das tausenderste, das vielleicht für sie spricht, triumphierend für sich auszubeuten und gegen die evidentesten Bekundungen der Geschichte auszuspielen, eine Wissenschaft, die sich selbst das jämmerlichste Armutszeugnis ausstellt und — einen bedauerlichen Mangel an Glauben an sich dokumentiert, indem sie wie ein Mäuschen nach jedem christlichen Apologeten hinhorcht, der für sie zeugt, und jedes nichtssagende Tontäfelchen, das aus dem Schutt der Jahrtausende ausgegraben wird, für sich mit Be-