Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Herr Ar. Wohlgemutst und dir Richtlinien o o o c Aberglauben, Mißverständnis, Spitzfindigkeit und sonstige recht unreligiöse Gründe in das Judentum gebrachten Brauches lese. Altes, was das jüdische Mittelalter vom Abschluß des Talmuds bis zu den neuorthodoxen Erfindungen aufgestapelt, ist nicht nur heilig, heilig, heilig wie der liebe Gott selber, sondern voll überirdischer Herrlichkeit und geheimnisvoller Schönheit! Gin künstliches System der Apologie, erfunden von dem Begründer der neu-orthodoxen Wissenschaft, S. R. pirsch, fortgesetzt von seinen Epigonen, breitet um jeden Minhag, den derSchulchan aruch selbst mitunter eine Narrheit nennt, einen Nimbus. Jeder Din wird so lang gedeutelt, bis ihm hohe Gottesweisheit wie eine unsichtbare Quelle entströmt. Die wunderbarste Tiefe und Weisheit soll hinter jedem, offensichtlich nur durch juristische Kasuistik herausgeklügelten Gebrauch verborgen sein. „Die Blume, die das jüdische Mädchen am Sabbat nicht bricht, der Käfer, den der jüdische Knabe am Sabbat nicht fängt . . . sind ein Protest gegen die Leugnung Gottes in der Natur." „Jedes Stückchen Gesäuertes, das der Jude zu Ostern aus seinem Hause schafft, ist ein Protest gegen die Leugnung Gottes in der Geschichte, ist eine Verkündigung des Menschheitgottes, dem kein Thron zu hoch ist, dem kein Sklave zu niedrig, der mit seinem Recht und seiner Liebe da ist, die Menschheit zu erlösen."^) Was hat um Fimmels willen das Einfangen von Ungeziefer am Sabbat mit der Leugnung Gottes in der Natur, was hat das „Lhomez batteln" am j)esach mit der Leugnung Gottes in der Geschichte zu tun? Komm liebe Unschuld vom Lande, jüngstes Hoffräulein, das du dir deinen schlichten Wahrheitsh Zitat aus S. R. Hirsch's Aufsatz: „Das rabbinische Judentum und die soziale Bildung", abgedruckt in: „<5. R. Hirsch und die israel. Religionsgesellschast zu Frankfurt a. M.". Von Direktor Di-. Mendel Hirsch, S. 44. sinn noch erhalten hast und sage den gelehrten Herren, du sehest nichts, aber auch nichts von all der religionsphilosophischen Tiefe, die die Herren in diesen leeren Zeremonien finden. Man mag ja die Gebräuche, wie z. B. „Thomez batteln" und meinetwegen alle anderen gelten lassen, man mag die schönste Romantik für sich 'selbst in ihnen finden; ich will sie wahrlich keinem verleiden, der sie schön findet und in j)ietät übt. Aber man mute anderen nicht zu, in ihnen etwas zu sehen, was nur zu sehen ist, wenn man sich die apologetische Brille der neuorthodoxen Wissenschaft auf die Nase setzt. Man lege keine Weisheit hinein, die nicht drin liegt; ein verfahren, das die große Gefahr in sich birgt, blind zu machen und den Wahrheitssinn zu verkümmern. ' „Wehe denen," ruft schon der Prophet Jesaja aus, „die Finsternis machen zu Licht und Licht zu Finsternis, die bitteres machen zu süßem und süßes zu bittrem und sich noch weise dünken in ihren Augen."?) Was hat man nicht alles schon verteidigt in der Welt und durch ein System der Apologie in den Fimmel erhoben: die Molochsopfer sicherlich wie die Hierodulen, die Inquisition und die Hexenverbrennung! Auch der Fetischanbeter fand seine Priester, und der Baalsproxheten, die den Instinkten der Massen schmeichelten, gab es zu jeder Zeit mehr als der Propheten, die das reine Gotteswort furchtlos verkündeten. Gewiß man kann sich mit einer Art von süßer Wollust in die Romantik der Vergangenheit hineinbohren und mag dann mit Recht behaupten, daß man darin selige Befriedigung finde. Man kann sich zusammenschließen zu einer engen Gemeinde „sich selbst beräuchernder Frommer", wie Professor- Lazarus sagt,^) die sich für ihre Opfer 2) Jesaja 5, 20 s. 3j Laz., Erneuerung des Judentums, S. 103.