Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 69 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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0 0 0 o Rundschau: Ratibor 69 der Sabbate und Festtage gefordert, das schlichte biblische Arbeitsverbot in seine Rechte eingesetzt und die Maßlosigkeit in der Auslegung und Ausdehnung dieses Verbots zurückgewiesen. Dem Zusammenhang des Einzelnen mit der Gesamtheit seines Bekenntnisses und seiner Mitbekenner dienen die Zeremoniengruppen des gottesdienstlichen Kultus sowie die wichtigsten Geschehnisse des Einzel-Menschenlebens: Geburt, religiöse Mündigkeit, Eheschließung und Tod. wie sich der Einzelne zu den übrigen tradierten Zeremonien stellt, ist gänzlich seine Sache. Diese Richtlinien nun haben, so fuhr der Redner fort, eine gewaltige Verbreitung gefunden und sind deshalb Gegenstand heftiger Debatten und Eingriffe geworden. Sie sind aber nicht künstlich geschaffen, sondern ein notwendig aus der Zeit heraus entstandenes Kulturwerk. Die Rabbiner haben entsprechend dem positiven Zeitgeist in dem Programm einen positiven Charakter bekundet, wie ihn der Liberalismus noch nicht gehabt hat. vorher wurde diesem die Programmlosigkeit zum Vorwurf gemacht, jetzt aber sein positives Programm. Die Richtlinien geben eine religiöse Grundlage des Judentums überhaupt, wie sie zu allen Zeiten und von allen Richtungen anerkannt worden ist; mithin ist der Vorwurf, daß sich der Liberalismus außerhalb des Judentums gestellt hat, völlig unbegreiflich. Auch die von den Gegnern vermißten religiösen Punkte sind als Voraussetzungen unterlegt und deshalb nicht besonders hervorgehoben. Daß neben den unentbehrlichen Forderungen auch manches Minderwichtige ausgenommen wurde, geschah auf Grund der Forschung der Religionswissenschaft, die von dem Liberalismus als gewichtige Instanz anerkannt wird, Hinsichtlich der Gemeinde-Insti-utionen will der Liberalismus auch der orthodoxen Minderheit in der Gemeinde die Befriedigung ihres religiösen Bedürfnisses gewahrt wissen wünscht aber auch umgekehrt dasselbe. Gerade jetzt wurde erwartet, daß von seiten der Drthodoxie der positive Charakter der Nicht-? linien genügend Anerkennung finden würde statt dessen hat ein mächtiges Ringen gegen die Leitsätze eingesetzt, das geradezu ein Ketzergericht gegen alle diejenigen veranstaltet, die die Sätze unterzeichnet oder sich auf ihren Boden gestellt haben. Dieses Vorgehen muß als mit dem Wesen des Judentums unvereinbar' entschieden zurückgewiesen werden. In solcher Zeit ist die Einigkeit des Liberalismus dem geschlossenen Ansturm der Gegner gegenüber dringend geboten. Rauschender Beifall lohnte die lichtvollen Ausführungen des Redners. „Deffentliche Versammlung" mit 3 auswärtigen Rednern, ohne Nennung der Linberufer der Versammlung, Thema: „Die Richtlinien und das Judentum" waren die Antwort der Orthodoxie. Die Richtlinien wurden hier in der bekannten weise m i ß handelt. Ratibor. v e r s a m m l u n g s b e r i ch t. Die hiesige Ortsgruppe veranstaltete am 27. Februar eine öffentliche Versammlung, die gut besucht war. Herr Rabb. Dr. Goldmann erstattete in klaren und in würdigem Tone gehaltenen Ausführungen das Referat über „Die Richtlinien und ihre Bedeutung". Der Vortragende definierte zunächst den Begriff „liberal", und betonte, daß der echte Liberalismus zwei Kennzeichen haben müsse: Er müsse religiös sein, d. h. Bindung durch Glauben verlangen, und er müsse jüdisch sein, d. h. er dürfe sich von der nun einmal gegebenen historischen Grundlage nicht entfernen, Auch der Liberalismus sei in gewissem Sinne Gesetzesreligion, insofern nämlich als auch er sich der Zeremonien als Ausdrucks- und vermittlungsform für religiöse Ideen bediene. Der Unterschied zwischen dem Liberalismus und der Orthodoxie sei kein sachlicher, sondern ein formeller. Das Neue des Liberalismus sei lediglich das Betonen des gut jüdischen Entwicklungsgedankens gegenüber dem Formalismus der Orthodoxie. So sei es nur eine verhetzende Phrase, wenn man von einer neuen Konfession spreche, die angeblich die Richtlinien bedeuten sollen. Redner besprach darauf die Richtlinien im einzelnen, er schloß mit der Betonung des jüdischen Einheitsgedankens, zeigte, daß die von orthodoxer Seite behauptete Uebereinftimmung zwischen liberalem Judentum und liberalem Christentum nichts sei als ein politisches Agitationsmittel und wies darauf hin, daß trotz aller unerfreulichen Nebenerscheinungen der