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Liberales Judentum · 1913-03-01 · Heft 3 (März 1913) · p. Seite 68

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 3 (März 1913)
Date
1913-03-01
Page
Seite 68 (sequence 20)
Language
German
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68 Rundschau: Posen o o o o keine ausgesprochen liberale Anstalt gäbe, welche Lehrer im Sinne des liberalen Judentums ausbilde. Herr Rann wies auf die kurze Zeit des Bestehens der liberalen Bewegung hin, die nach seiner Ueberzeugung eine vielversprechende sei. wo kaum gesäet worden, könne man noch keine reife Ernte verlangen. Herr Jacobs wandte sich in seiner Eigenschaft als Gemeindevertreter gegen die Ausführungen des Herrn Steinberg. Es sei Tatsache, daß sich das religiöse Leben innerhalb der Gemeinde gehoben habe, daß das Interesse der Jugend am Religionsunterricht gestiegen sei, und daß der Besuch des Gottesdienstes zugenommen habe. — Im Schlußwort trat Herr Dr. Loblenz besonders dem Vorwurf des Herrn R.-A. Strauß entgegen, als ob das liberale Judentum den Standpunkt des „maßlosen Subjektivismus" und der „öden Negation" vertrete. An der Hand der Geschichte — wies er nach, daß man zu allen Zeiten von Jeremia bis Moses Mendelssohn die Träger des fortschrittlichen Gedankens mit solchen Mitteln bekämpft habe. Sie wurden wegen des „maßlosen Subjektivismus" und „ihrer öden Negation" in Acht und Bann getan. Im Jahrhundert hat man sogar die Polizeigewalt gegen sie angerufen, aber die Idee hat gesiegt, trotz alledem, und ihre Bekämpfer sind vergessen. So wird es auch 'in Zukunft bleiben, wenn wir nur unsere Pflicht tun. Aus unserem Glauben an die Rraft des liberalen Gedankens wird der Fortschritt geboren. — Die Ausführungen des Redners wurden wiederholt durch lebhafte Aeußerungen der Zustimmung der Mehrheit der Erschienenen unterbrochen. Stürmischer Beifall erhob sich aber am Schlüsse seiner Rede und seiner Entgegnung. Der äußere Erfolg zeigte sich in der Anmeldung von zehn neuen Mitgliedern zu unserer ohnehin an Zahl recht ansehnlichen Ortsgruppe. Posen. Im Verein liberaler Juden sprach am Februar cr. Rabbiner Dr. Freudenthal - Nürnberg über „D i e Richtlinien der liberalen Rabbiner und ihre Wirkung." In großzügiger, packender weise erörterte der Redner die Entstehung, den Inhalt und die Wirkung der Richtlinien, indem er etwa Folgendes ausführte: Die Richtlinien sprechen das aus, was der religiöse Liberalismus im Judentum glaubt, festhält und festgehalten wissen will; sie bezeichnen einen gangbaren positiv-historischen Lebensweg und umfassen, dem Zeitgeiste Rechnung tragend, alles das, was religiös wichtig und bedeutsam erscheint. Der dogmatische Zwang ist ausgeschaltet, weil solcher dem Wesen des prophetischen Judentums widerspricht. In diesem Sinne ist auch der 3. Abschnitt der auf der posener Versammlung gefaßten Resolution aufzufassen: „Getreu den Grundsätzen des Liberalismus, überläßt die Vereinigung im Sinne der heute erstatteten Referate die Stellungnahme zu den das religiöse Leben des einzelnen betreffenden Forderungen der Richtlinien der gewissenhaften Ueberzeugung der Mitglieder". Im allgemein theoretischen Teil der Richtlinien wird der lebendige Glaubensinhalt der jüdischen Gegenwart in einigen markanten Sätzen ausgesprochen. Neben dem ewiggöttlichen Gehalt der jüdischen Religion gibt es noch einen Punkt, der mit seiner Existenzberechtigung verknüpft ist, d. i. der Glaube, daß Israel die Bestimmung hat, seine Religion in ihrer Reinheit zu bewahren und auszuharren in Treue und opferwilliger Hingabe durch alle Zeiten und Geschlechter. Der zweite Teil der Richtlinien nimmt Stellung zum religiösen Leben. Als Bekenner einer geschichtlich geprägten und charakterisierten Religion durften die Verfasser der Richtlinien das gesamte Zeremonialgesetz nicht dem Belieben des einzelnen anheimstellen. Das Judentum ist zwar keine Gesetzes-, sondern eine ethische Religion; Rern und Ziel ist ihm das Sittliche, die Zeremonien nur äußere Mittel zur Erreichung dieses Zieles. Auch das Wort' „liberales Judentum" schließt von vornherein die Anerkennung der Berechtigung und Notwendigkeit des historisch allmählich gewordenen Zeremonialgesetzes mit ein, aber diese Richtung will sich vornehmer, weitherziger, weitschauender zu diesen Formen des Judentums stellen. Vom religiösen und wissenschaftlichen Erkennen aus war die Frage zu prüfen: welche Zeremonien sind geschichtlich so typisch und zugleich durch ihre religiöse Weihe so bedeutungsvoll, daß sie den Grundstock des Judentums auch für den liberalen Juden bilden können und bilden müssen? In den Richtlinien wird die Aufrechterhaltung

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