Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1913-03-01 · Heft 3 (März 1913) · p. Seite 67

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 3 (März 1913)
Date
1913-03-01
Page
Seite 67 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3126481-3126558-3126562--1400-3128212
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rundschau : Elberfeld 67 Rundfchau. Elberfeld, 23. Febr. \913. Am Sonntag, den \<5. Februar, fand im roten Saale der Stadthalle eine öffentliche Versammlung unserer (Ortsgruppe statt, in welcher Herr Rabbiner Dr. Loblenz aus Bielefeld das Thema behandelte: „Mit welchen Mitteln ist vom Standpunkte des liberalen Judentums der religiösen Gleichgültigkeit zu begegnen?" Die von etwa 500 Personen besuchte Versammlung wurde vom Vorsitzenden der Ortsgruppe, Herrn Emil Grünebaum, geleitet. Referent gab einleitend einen Ueberblick über die Geschichte der Reformbewegung im l9- Jahrhundert, aus deren Verlauf er die Gründe ihres Mißerfolges entwickelte, und stellte sodann die sachlich eingehenden Forderungen auf, von denen er für die Ankunft positive Erfolge erwartet. 3 m Gottesdien st e verlangt er bei aller Währung des historischen Lharakters des gottesdienstlichen Lebens eine größere Berücksichtigung der Deutschen Muttersprache, pflege des einstimmigen deutschen Gemeindegesanges, regelmäßige predigt und endlich eine neben dem Sabbatgottesdienste bestehende, alle 3 bis Wochen wiederkehrenden sonntägliche Andacht für alle diejenigen, die aus wirtschaftlichen Gründen am Sabbat den Gottesdienst nicht besuchen können. Sn den Familien sind die alten gemüt- und poesievollen Bräuche zu pflegen, die dem jüdischen Hause seine religiöse Weihe geben. . An der Schule endlich sollen durch einen zeitgemäßen Religionsunterricht die Herzen der Äugend gewonnen werden. An diesem Zusammenhang spricht Redner sich über die Behandlung der biblischen Wundererzählungen und der Verbalinspiratton bei —^5 jährigen Schülern, sowie über die Erörterung bibelkrittscher Fragen in den Gberklassen der höheren Lehranstalten aus. Ferner fordert er, die Schule dürfe sich durch ihre Lehren nicht in Gegensatz zum Leben und zu den Anschauungen des Dauses setzen. Lehre und Leben müssen einander entsprechen. Das wesentliche bleibe aber für jeden Unterricht die Herausarbeitung der religiös-sittlichen Ewigkeitswerte, die das Audentum durch seine Propheten als höchste Rulturgüter der Menschheit gespendet habe. Am Anschluß an einen solchen Unterricht: könne dann in Vereinen und durch volkstümlich gehaltene Schriften über das Wesen des Audentums planmäßig, weiter gearbeitet werden. Nur so vermögen wir die Zukunft dem religiös-liberalen Gedanken zu gewinnen. An der Diskussion, die dem Vortrage folgte, beteiligten sich außer dem Herrn Referenten die Herren Dr. Grüneberg, Epstein, Rechtsanwalt Strauß, Rabbiner Dr. Norden, Steinberg, Fischel, Rann und Aacob'y. Die Herren Dr. Grüneberg und Rechtsanwalt Strauß warfen dem liberalen Audentum eine bedenkliche Annäherung an das liberale Lhristentum vor, nachdem letzteres die grundlegenden christlichen Dogmen teils leugne, teils vergeistige, Herr R.-A. Strauß warf dem Liberalismus ferner vor^ er schaffe nichts posittves, sondern negierenur und fördere einen schrankenlosen Subjekttvismus; auch die hiesige Ortsgruppe habe noch nichts posittves geleistet. — Herr Steinberg will ebenfalls von einer fruchtbringenden Tättgkeit der hiesigen Ortsgruppe nichtsbemerkt haben. Daß auch in anderen Gemeinden der Liberalismus keine werbendo Macht sei, beweise u. a. das religiöse Leben in der Gemeinde Bielefeld. Gegen die letztere Behauptung wandte sich sofort scharf Herr Rabbiner Dr. Loblenz und bewies an der Hand von Tatsachen ihre objekttve Unwahrheit. Herr Rabbiner Dr. Norden wies nach, daß unsere Llberfelder Ortsgruppe auf die Gestaltung des Unterrichts und des Gottesdienstes, wie überhaupt auf das gesamtereligiöse Leben in der Gemeinde nur fördernd gewirkt habe, was auch von der Gemeindevertretung dankbar anerkannt wurde, wenn sich das liberale Lhristentum durch Abwerfung der Dogmen dem Audentumo nähere, so mute es sonderbar an, wenn man dem liberalen Audentum einen Vorwurf machen will. Man müsse nicht fragen: „Was unterscheidet das liberale Audentum vom liberalen Lhristentum?, sondern umgekehrt müsse die Frage lauten: „was unterscheidet das liberale Lhristentum vom liberalen Audentum?" — Der Schriftführer unserer Ortsgruppe, Herr Fischel, bemängelte, daß es unter den vorhandenen Lehrerseminarien

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.