Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 63 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Norden: „Nu sollst deinem Kinde erzählen" 63 men umgangenen Satzungen und Bestimmungen in einem unheilbaren Widerspruch. Am Tage der Ruhe soll man „keine Lasten tragen". Wenn aber der Blinde seinen leitenden Stab nicht tragen darf (usw.; es folgt hier eine längere Aufzählung ähnlicher Derbste, wie sie oben zusammengestellt sind), so spricht das allen Gesetzen eines vernünftigen Denkens Hohn und entweiht den Sabbatgedanken mehr, als alle wirklich getragenen Lasten den Sabbat selbst entweihen können. Hunderte von Beispielen gleicher Art könnten noch angeführt werden. Alle diese, gewiß aus reiner Gesinnung und redlichem Wollen erdachten peinlichen Verschärfungen, maßlosen Uebertreibungen entfernen sich durchaus von dem Zweck des Gesetzes." Ihr Entlastungszeuge, Herr Dr. Wohlgemuth, ist, wie Sie sehen, zum niederschmetternden Belastungszeugen geworden. Auch in der Wahl Ihrer Zeugen haben Sie, wie es scheint, kein Glück. Wie diese in manchen Rreisen geradezu als Sport betriebene „Religionsgesetzlichkeit" es noch wagen kann, mit einer Selbstüberhebung sondergleichen auszutreten, das ist ein eigenes Rapitel für sich und heißt: die Selbstverblendung und Schönfärberei der Orthodoxie oder „Apologie a tont prix als orthodoxe Wissenschaft." „Du sollst deinem Kinde erzählen“. (2. B. m. >z, 8.) Zum p<?§achfdt. Von Rabbiner Dr. Rorden-Gberfeld. ie kommt es doch, daß die jüdische Religion sich durch die Zeiten und Jahrhunderte nicht nur erhalten, sondern auch frisch und jung erhalten hat? Weil unsere Religion sich 'stets auf die Jugend gestützt, weil sie der Jugend die gebührende Achtung geschenkt, weil sie auf die Unterweisung der Jugend immer einen so unendlich hohen Wert gelegt hat. Schon die Thora gebietet: ,,Du sollst die Lehre deinen Rindern einprägen und mit ihnen davon reden, wenn du im Hause weilest und wenn du dich draußen befindest, wenn du dich niederlegst und wenn du dich wieder erhebst." Die Ulischnah berücksichtigt bei der religiösen Familienfeier der Sederabende am j)eßachfest vor allem die Jugend und räumt ihr bald beim Beginn der abendlichen Feier einen Ehrenplatz ein. Der Jugend soll da Gelegenheit geboten werden, zu fragen: Nab nischtannoh; „Warum zeichnet sich der Sederabend vor anderen Abenden des Jahres aus? Was für eine Bewandtnis hat es mit dem Feste, mit seinen Vorschriften und Gebräuchen?" Und der jerusalemische Talmud geht aneiner Stelle, die sich fast wörtlich in der j)eßach - Haggadah wiederfindet, mit liebevoller Ausführlichkeit auf die verschiedenen Fähigkeiten und Veranlagungen der Rinder ein: Er schildert den begabten und dabei bescheidenen Rnaben, führt uns dann den zwar aufgeweckten, aber dabei vorwitzigen Rnaben vor, erwähnt sodann einen Rnaben, der nur langsam und schwerfällig zu denken vermag, und schließt seine Schilderung mit einem solchen Rnaben, der noch nicht so weit vorgeschritten ist, um eine Frage selbständig stellen zu können. Bei allen Vieren setzt der Talmud wißbegierde voraus. Denn der Talmud kennt die Jugend, er weiß, daß sie Belehrung wünscht, daß sie nach Belehrung geradezu lechzt. Und so macht er es denn den Eltern zur Pflicht, die jugendliche Wißbegierde zu stillen. Die Jugend hat das Recht, zu fragen, und die Erwachsenen habendie Pflicht, zuantworten. Ja, der Talmud geht noch weiter und verlangt sogar: „wenn das Rind noch nicht