Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Herr Ar. Wohlgemuth und die Richtlinien o o o o sprechen. Zweitens in solche, welche den Bedingungen in keiner Weise entsprechen und durum abzulehnen sind. Drittens in solche, bei denen das subjektive religiöse Empfinden, Erziehung und andere Imponderabilien die Entscheidung nach der einen oder anderen Seite treffen müssen. Die unerläßlichen, als die positiven Minimalforderungen des liberalen Judentums zählen wir einzeln auf (Richtlinien IX und XI). Die beiden anderen Gruppen fassen wir summarisch unter allgemeinen Gesichtspunkten zusammen-(Richtlinien VIII letzter Satz, IX, \ dritter Satz, IX, 3b zweiter, dritter und vierter Satz; X), indem wir uns Vorbehalten, in wissenschaftlich-theologischen Detailarbeiten dieselben nach und nach eingehend zu behandeln. Herrn Dr. wohlgemuth bereitet unsere Stellung zu dem Zeremonialgesetz viel Kopfzerbrechen. Er läuft wie ein Blinder mit der Laterne J[5 Seiten lang herum, um unser „Prinzip" zu finden und behauptet, es nicht gefunden zu haben. Ja, was können wir dafür, wenn Herr Dr. Wohlgemuth blind ist? Wie sagte doch einmal Goethe? „Dieses Büchlein jedoch machte keinen Eindruck auf mich, weil ich immer vorzog, von den: Menschen zu erfahren, wie er dachte, als von einem andern zu erfahren, wie er hätte denken sollen". Herr Dr. Wohlgemuth dekretiert auf Seite ^5: „Die beiden Möglichkeiten einer streng prinzipiellen Stellungnahme vom Standpunkt des liberalen Judentums wären gewesen: a) die Verwerfung des gesamten Religionsgesetzes, b) die Annahme dieses (ganzen) Religionsgesetzes. Diese beiden Wege sind nicht eingeschlagen worden." Es ist wirklich bedauernswert, welchen Schmerz wir dem armen Herrn Dr. Wohlgemuth bereiten. Er pflanzt sich in seiner ganzen imponierenden Größe vor uns auf, setzt uns die Pistole auf die Brust und ruft: „1a bourse ou la vie"; das heißt auf gut deutsch: „Seid starr orthodox wie wir prinzipienfeste Leute, ober — werft das ganze positive . Judentum über Bord!" Es tut uns wirklich leid; aber um der schönen Augen des Herrn Dr. Wohlgemuth willen, können wir ihm weder den einen noch den anderen Gefallen tun. Wir tun ihm weder den Gefallen, so radikal zu sein, wie er uns wünscht, um uns mit gutem Gewissen exkommunizieren zu können, noch werden wir uns, ihm und seinem Prinzip zuliebe, der Orthodoxie übergeben. Ja, wir tun Herrn Dr. Wohlgemuth nicht einmal den Gefallen „konsequent" zu sein. Wir sind in der Tat so inkonsequent, nicht zu sagen: Entweder — oder; wir sind so inkonsequent, wie die Geschichte, wie die Religion nun einmal ist. Nur die Theorie ist konsequent, das Leben nimmer. Und das lebendige Judentum, wie es in den Häusern und Kerzen unserer besten, vorbildlichen liberalen Juden lebt, wie es gehalten werden kann, und darum soll, Nicht aber ein ausgeklügeltes System geben wir in unseren Richtlinien. Mit einer lässig-eleganten Handbewegung aber tut Herr Dr. Wohlgemuth unseren bedeutsamen Paragraphen VIII, auf den es eben nun einmal nicht gerade wenig ankommt — denn von den U weiten unserer Richtlinien, beruhen mehr als 7 Seiten nur auf diesem Paragraphen — als quantite negligeable ab und meint herablassend, nachdem er diesen Paragraphen im vorübergehen rasch noch als „volltönend" ironisiert hat: „Also die Erscheinungsformen haben für das religiöse Leben und die Erhaltung der jüdischen Religion eine große Bedeutung. Man sieht zwar nicht ein, weshalb sie diese Bedeutung haben sollten, nachdem sie doch nicht göttliche Gebote sind." Ja, Herr Dr. Wohlgemuth hat die Stirn, uns zuzurüfen: „Die richtige Konsequenz aus der prinzipiel-! len Stellungnahme der Richtlinien wäre dem-