Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Herr Ar. MshLgrumth und die Nichtlinien 57 Aber wir denken nicht daran, auf die durch einen dreitausendjährigen Läuterungsprozeß geadelten Formen des Judentums, auf den wunderbaren Kultus, auf die sinnige Weihe der Sabbate und Feste, auf die Poesie des echtjüdischen Familienhauses zu verzichten. Wir wissen, daß wir keine Gemeinschaf t s r e l i g i o n aufbauen können lediglich auf dem reinen Dogma und der reinen Sittenlehre oder gar auf der tausendfach variierenden religiösen Subjektivität des einzelnen. Und wir sind nicht so ungeschichtlich, das Band der Geschichte zu zerreißen. Wir sind geschichtliche Juden und wollen uns nicht lossagen von dem positiv-historischen Judentum. Das Judentum will Gesinnung erzeugen durch Handlungen, will zur Entsagungsfähigkeit erziehen durch Verbote, will das vergangene in uns lebendig machen durch immerwiederkehrende Erinnerungen. Diesen geschichtlichen Charakter des Judentums wollen wir bewahren und bewahren ihn — aller Verleumdung zum Trotz — in unseren Richtlinien. Wir gehen aus von der überlieferten objektiven Religion und wählen uns nicht irgend eine längstvergangene Epoche unserer jüdischen Vergangenheit, die uns am meisten zusagt, wie z. B. die der Propheten, um sie auf unsere Zeit zu übertragen, oder um unsere Zeit gleichsam in die alte hineinzustellen. Das wäre ungeschichtlich und unpsychologisch. Das wäre in der Tat die Verleugnung des geschichtlichen Bodens, aus dem wir entwachsen sind. Das wäre ein preisgeben des charakteristischsten Merkmals des geschichtlichen Judentums. Denn das ist keine Frage, daß die xeligiösen Erscheinungsformen seit mehr als zweitausend Zähren zu dem charakteristischen Bestand des Judentums gehören. Nur daß sie zum Wesen des Judentums gehören, leugnen wir. Sie sind die äußere Gestalt, in der sich das Juden-- tum ausgeprägt hat. Sie sind die Form, in welcher das Zudentum in Erscheinung tritt; daher" der Name Erscheinungsformen, die wir dem Zeremonialgesetz gegeben haben. Diese Erscheinungsformen haben für uns demnach eine doppelte große Bedeutung. Sie sind uns wertvolle Mittel zur Erweckung religiöser Zdeen, und sie besitzen eine starke gemeinschaftbildende Kraft (siehe Richtlinien VIII). Aber nicht alle überkommenen Erscheinungsformen erfüllen in Wahrheit diese Aufgabe. Deshalb differenzieren wir in unseren Richtlinien und sprechen es — unserem Prinzip gemäß — klar und scharf aus, daß wir nur" dasjenige als wertvoll anerkennen, was die Kraft hat, „frommeGesinnung hervorzurufen, die sittliche Tat zu fördern und religiöse Wahrheiten und Erlebnisse in anschauliche Erinnerung zu bringen" (Richtlinien X). Die Entscheidung darüber, was diesen Bedingungen entspricht oder nicht entspricht, ist freilich nicht leicht und subjektiv außerordentlich verschieden. Wir teilen darum die Erscheinungsformen hinsichtlich ihres Wertes und ihres Verpflichtungsgrades in drei Gruppen. Erstens in solche, welche uns unerläßliche) scheinen, weil sie den angegebenen Bedingungen in hohem Grade ent- 31) Unerläßlich als ideale religiöse Forderung, unerläßlich im Sinne des positiv-historischen Judentums, der objektiven Religion, aber nicht in dem Sinne, wie es in der Versammlung zu Posen irrtümlich aufgefaßt wurde, daß wir damit von unserem wissenschaftlichen Prinzip der Freiwilligkeit aller religiösen Leistungen abgegangen wären, wo wir doch den Begriff Religions g e s e tz im Sinne der absoluten gesetzlichen Gebundenheit nicht anerkennen, ja, wo dieser Begriff der absoluten gesetzlichen Gebundenheit in unserer Gegenwart überhaupt — auch für die starrste Orthodoxie — eine irreführende Phrase ist. Siehe die nachfolgenden Auseinandersetzungen, Seite 59 f.