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Liberales Judentum · 1913-03-01 · Heft 3 (März 1913) · p. Seite 56

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 3 (März 1913)
Date
1913-03-01
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 Herr Ar. Mshlgrnmth und dir Richtlinien o o 0 o Und nun wage es Herr Dr. wohlgemuth noch einmal, „das Rleine groß und das Große klein zu nennen"*»), die Zeremonialgesetze zum wesentlichen des Judentums zu machen und uns zu schmähen, daß wir das wesentliche des Pentateuch in seinen weltüberwindenden ewigen Wahrheiten und menschenverbrüdernden Sittengeboten erblicken! Nun wage er es noch einmal, durch 'ben gehässigen Vorwurf uns in den Augen der selbstbewußten Iudenheit herabzusetzen und als verabscheuenswürdige Frevler hinzustellen, daß wir nichts wesentlich anderes lehren als das liberale Christentum! wie man doch "die einfachsten Dinge so verwirren und die Tatsachen auf den Ropf stellen kann! Haben wir die ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgebote aus dem Christentum entnommen oder hat das Christentum dieselben aus dem Judentum entnommen? warum verschweigt Herr Dr. Wohlgemuth die nicht gerade ganz unwichtige Tatsache, daß die monotheistischen Religionen Rinder des Judentums und ihm darum so ähnlich sind, wie Rinder der Rlutter in ihrem Wesen ähnlich zu sein pflegen? Sollen wir aus lauter Angst davor, daß das liberale Christentum nach s600 Jahren seine unterscheidenden Dogmen abzuwerfen beginnt und darum der Rlntterreligion, von der es sich durch eben diese Dogmen einst getrennt hat, wieder ähnlicher wird — sollen wir aus lauter Angst davor uns immer mehr in unser Schneckenhaus verkriechen? Sollen wir das Gute, was wir der Welt gebracht, nicht mehr als gut ansehen dürfen in dem Augenblick, wo es sich siegreich Bahn bricht? wird unsere jüdische Wahrheit dadurch geringwertiger, daß sie sich die Welt erobert? Soll die vornehmste Aufgabe des Judentums immer nur darin bestehen, anders zu 29) Midrasch Bemidbar rabba, Par. 22 gegen Schluß. sein als die anderen?") Selbst auf Rosten seines edelsten und wesentlichen Inhalts? Betet Herr Dr. wohlgemuth nicht an jedem Tage zweimal das Dlenu-Gebet des Talmud lehrers Rab um die Herbeiführung des Gottesreiches, in welchem die jüdische Wahrheit alle wenschen verbrüdern soll? Nun möchte ich aber nicht mißverstanden werden. Bei dieser ganzen Auseinandersetzung handelte es sich nicht um unsere wirkliche Stellungnahme zu den überlieferten Erscheinungsformen des jüdischen Rultus und Ritus, sondern um die wissenschaftliche Lrerörterung der Frage, was das Wesen des Judentums sei und um die Zurückweisung der falschen Beschuldigung des Herrn Dr. Wohlgemuth, daß wir wesentliche Teile der Thora aufgehoben hätten. Diese Beschuldigung wäre falsch, selbst wenn wir, wie fast alle Propheten, das ganze Zeremonialgesetz mit Stillschweigen übergangen, ja wie manche Propheten, dasselbe bitter bekämpft hätten. so) Das „anders sein", das der Prophet Ezechiel (20, 32) verlangt, bezieht sich nur auf den Gegensatz zmn Heidentum, das „Holz und Stein als Götzen anbetet." In seinem Aufsatz: „Der Jude und seine Zeit" im 1. Heft des Jeschurun 5615 sagt S. N. Hirsch (S. 19): „Jahrtausende lang war das Judentum der einzige Protest gegen eine ganze heidnische Welt, und wenn dieser Gegensatz von Jahrhundert zu Jahrhundert abgenommen, so war dies nicht, weil das Judentum sich den nicht--jiidischssn Zeitverhältnissen gemäß gestaltete, sondern weil immer mehr und mehr Keime des jüdischen Geistes, Funken vom jüdischen Gottesworte im Schoße der nichtjüdischen Welt aufgegangen, weil immer mehr und mehr das jüdische Gotteswort seine stille Mission auf Erden erfüllt." Und Seite 21: „War es ja eben der Universalismus, der ihn (den Juden) isolierte"; endlich Seite 24: „Dann wenn die Zeiten gottge mm ß geworden, wird auch das Judentum zeitgemäß sein." Stimmt das nicht inhaltlich genau mit unseren Ausführungen überein?

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