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Liberales Judentum · 1913-03-01 · Heft 3 (März 1913) · p. Seite 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 3 (März 1913)
Date
1913-03-01
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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0 o o o Krrr Ar. Mshlgemuth und dir Nichtlinien 55 des Judentums und wird nun die Freude haben, während der nächsten Jahrzehnte als Kronzeuge der antisemitischen theologischen Wissenschaft zitiert zu werden. Und all das aus blindem Haß gegen das liberale Judentum, um die liberalen Rabbiner der Christianisierung des Judentums verdächtigen zu können. Aber werden nur die liberalen Rabbiner von Herrn Dr. wohlgemuth mit dieser Beschuldigung getroffen? Hat Herr Dr. wohlgemuth nicht bedacht, wie er die Propheten Hosea und Amos und Micha und Jesaja und Jeremia lästert? Wie er sie zu Ketzern macht und zu Zerstörern des Iudentums? Denn in ihren „Richtlinien" ist nichts oder nur unsagbar wenig erwähnt von all den Dingen, um derentwillen uns Herr Dr. Wohlgemuth zu Samaritanern, Iudenchristen und Karäern stempelt. Und so kommen wir zu der unerbittlichen Schlußfolgerung aus unserer Auseinandersetzung: Entweder Sie nehmen alles zurück, Herr Dr/ wohlgemuth, was Sie, ausgehend von Ihrer äiktersutia specifica, gegen uns gesagt haben, entweder Sie tun einen Büßgang zum Liberalismus und" erkennen „die ewigen Wahrheiten" und „sittlichen Grundgebote" als Wesen des Judentums an, oder — Sie degradieren das Judentum zum Heidentum! Ihre „Logik" hat Ihnen wirklich einen bösen Streich gespielt, und ich würde an Ihrer Stelle lieber solche gefährliche Exkursionen vermeiden. Ich will aber gerne Herrn Dr. wohlgemuth das eine zugute halten, daß er sich der Tragweite seiner Worte nicht bewußt war, daß er in der Befangenheit seines Standpunkts nicht so weit sah, um wahrzunehmen, daß er sein Judentum, um es möglichst weit vom Christentum abzurücken, an die Seite des Heidentums gestellt hat. Mag doch Herr Dr. wohlgemuth einmal eine Thora und eine Bibel zusammenstellen nur aus dem, worauf nach seiner Ansicht das Judentum den „Hauptwert" legt, mit Weglassung alles dessen, was „allen monotheistischen Religionen gemeinsam" und darum „nicht das Wesen des Judentums"^) ist — wird Herrn Dr. wohlgemuth nicht übel zu Mut, wenn er an das Zerrbild denkt, das da herauskäme? was da übrig bliebe, wenn all die ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgebote aus der heiligen Schrift" gestrichen würden? Ein König, dem man die Krone vom Haupt und den purxurmantel von den Schultern gerissen, um ihm ein Bettlergewand umzuhängen! Eine Schrift, die man nun und nimmer als „heilige Schrift" angesehen und verehrt und in alle Sprachen der Erde übersetzt hätte! Lin Gesetz, von dem kein Mose hätte sagen dürfen: Es wird eure Weisheit sein in den Augen der Völker! Was die jüdischen Zeremonien über die heidnischen erhebt, ist ihre Verbindung mit dem ethischen Monotheismus. Sie wurden verklärt und geweiht und geadelt durch ihre Durchtränkung mit den ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten des Judentums. Von ihnen gilt das Wort das auf einem berühmten Grabstein geschrieben steht: „Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie, so reich, daß er Unsterblichkeit ihr lieh." Umgekehrt aber, wenn die ganze heilige Schrift nur heilige Geschichte, göttliche Wahrheiten und sittliche, soziale und Rechts- Gebote enthielte, nichts von Dpfern und verbotenen Tieren, nichts von Priestergewändern und Kultusgeräten, nichts von Reinigungsvorschriften und ähnlichem — wäre das Judentum nicht dennoch groß, schön, heilig, göttlich, wie es die Propheten sind? 28) Zitate aus Wohlgemuths Besprechung der Richtlinien S. 35.

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