Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Krrr Ar. Mohtgemutst und dir Richtlinien 0 o o o Zahlreiche Stellen stimmen mit Hillel und A k i b a darin überein, daß das Wesen der Thora die Sittlichkeit fei.25) Nur Herr Dr. wohlgemuth hat den traurigen Mut, die religiösen Grundwahrheiten und sittlichen Grundgebote zum Nebensächlichen zu degradieren und auf das Zeremonialgesetz den „Hauptwert" (von Herrn Dr. wohlgemuth an dieser Stelle gebraucht und gesperrt gedruckt) zu legen. Und diese Ungeheuerlichkeit wagt Herr Dr. wohlgemuth mit ruhigem Blute niederzuschreiben, was hat das Judentum dem Herrn Dr. wohlgemuth zu Leid getan, daß er ihm solchen bischen Wahrheit nnd die Befolgung der sittlichen .Gebote (der sieben noachidischen Gebote) aber nichts Zeremonielles verlangten. Die letztere Ansicht vertreten u. a. Jehuda halevi (Knsari III, 10), R. Mose aus Couch (in der Vorrede zu 8. M. G.), die Midraschstelle (Bemidbar rabba zu 4. M. 15, 39): „Die Religionsgesetze gleichen einem Seil, das der Steuermann einem mit den Wellen Ringenden zuwirft mit Lear Worten: „Laß es glicht los, sonst ist es um dein Leben geschehen." 25) S. Aboth I, 18: „Auf drei Dingen beruht die Welt, auf Wahrheit, Recht und Frieden." Tos. Pea 4, 19 f.: „Wohltätigkeit und Liebe wiegen alle Religionsgesetze auf." — Talmud babli Makkot 23b: Der bekannte Ausspruch R. Simlai's, der die 613 Gebote der Thora zusammenzieht in die ethische Forderung des Propheten Micha: Das Rechte tun, das Gute lieben und in Demut vor Gott wandeln. An diese und viele ähnliche Aussprüche schließen sich die hervorragendsten Bibelexegeten nnd Religionsphilosvphen an, Saadia, Abraham ibn Daud, Bachja, Maimonides, Gersonides, Kreskas, Albo; insbesondere auch Abraham ibn Esra in Jesod Mora (3 ff.). Bedeutsam ist, daß im Volksbuch der Juden, der Tephilla, beim großen Sündenbekenntnis des Versöhnungstages keine zeremoniellen Sünden Aufnahme fanden, also nicht als „Sünden" zu gelten scheinen. Daß „bemaachol uwemischteh" sich unmöglich auf Speisegesetze beziehen kann, geht, abgesehen von dem Zusammenhang (zwischen lauter ethischen und rechtlichen Sünden) schon aus dem Worte: „uwemischteh“ hervor. Auch im Gebet Salomo's zur Tempelweihe fnrden die Opfer keine Erwähnung. —, S. auch Talm. Ber. 32b; Succa 49b; Sota 5b. Schimpf antut? Seit pauIus aus Tarsus hat kein Judeseiner Mutterreligion so übles, nachgesagt. Da wehren wir uns, seitdem das Judentum in die Wissenschaft eingetreten ist, gegen die Verunglimpfung, die ihm vonseiten dev judentumsfeindlichen theologischen Wissenschaft widerfährt. Da protestieren wir seit Jahrzehnten gegen die Herabsetzung, mit der das Judentum als verächtliche „Gesetzesreligion" gebrandmarkt und ihm nachgesagt wird, daß bei ihm das Religiöse und die- Sittlichkeit minderwertig sei. Da korrigieren wir die falsche Uebersetzung des Wortes- Thora, das nicht „Gesetz", sondern „Lehre" oder zum mindesten „Lehre und Gesetz" heißt.2«) Da wird von perles eine vortreffliche Streitschrift gegen Bouss et' s „Reli - gion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter" geschrieben, vor allem wegen der empörenden Bemerkung Boussets: „Die Ueberlieferung der jüdischen Haggada, vor allem die pirke Aboth beweisen, daß sich die Rabbiner nicht nur mit Gesetzesfragen, sondern gleichsam im Nebenamt mit der alltäglichen Moral befaßt haben."??) Da wehrt sich das gesamte wissenschaftliche Judentum gegen die Unterstellungen und Voraussetzungen der modernen Bibelkritik und religionsgeschichtlichen Wissenschaft — und mitten in dem Rampfe fällt Herr Dr. wohlgemuth den Verteidigern des Judentums in den Rücken, drückt sein Siegel unter die hämische Beschimpfung 26) Wenn Thora Gesetz hieße, wie wäre das Midraschwort zu verstehen (Schocher tob zu Ps. 78, 1): „Psalmen sind auch Thora und Propheten sind Thora, und Gleichnisse und Rätsel und Gedichte sind Thora." Wie wäre es möglich, Stellen wie Spr. Sal. 1, 8; 3, 1; 4, 2 oder Jesaja 1, 10; 42, 4 usw. mit „Gesetz" zu übersetzen. Schon die Ethymologie (von „horoh lehren") müßte auf die einzig richtige Uebersetzung Hinweisen, vergl. Smend a. a. O. S. 36 u. 176 f. 2?) Bousset S. 398; Perles S. 87.