Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 47 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126558-3126561--1379-3128190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rundschau: Berlin —' Königsberg i. Pr. 47 Glaubensgenossen unserer Gegend entspricht. Line Anzahl neuer Mitglieder meldete sich zum Beitritt in die Vereinigung für das liberale Judentum. Srrliu, V?. Jan. Gestern fand hier eine Versammlung des Liberalen Vereins für die Angel egenheitender jü - dischen Gemeinde zu Berlin im Tiergartenhof statt, Herr Dr. Lehmann sprach über „Die Stellung der Frau in der jüdischen Religion und die Forderungen der Gegenwart." Der Redner behandelte zunächst die Stellung der Frau bei den Rulturreligionen und stellte fest, daß in keiner der in Betracht kommenden Religionen die Frau eine so hohe und geachtete Stellung einnahm wie in der jüdischen Religion. Lr bewies dies aus zahlreichen Beispielen der religiösen Literatur und besonders durch Zitate aus der prophetischen und nachbiblischen jüdischen Literatur. Infolge der hohen und geachteten Stellung, die die Frau im religiösen Leben der Juden einnahm, galt sie auch bei der äußerlichen Betätigung der Religion und im Gottesdienst den Männern als gleichberechtigt. Lrst später, und zwar im Mittelalter, trat eine strenge Scheidung der Geschlechter auch bei den Juden ein und die Frau wurde aus dem öffentlichen religiösen Leben zurückgedrängt. Das Haus galt ihr nun als Hauptstelle ihrer Betätigung. Die Gegenwart muß bestrebt sein, der Frau wiederum wie in alter Zeit gleiche Rechte mit den Männern zu verschaffen, und in jeder Beziehung ihr die ihr gebührende Achtung entgegenzubringen. Wie in alter Zeit die Bedeutung der Frau für das ganze religiöse Leben und die Entwicklung der Religion gewürdigt wurde, so muß in der Gegenwart die Frau wiederum als Lrhalterin der Religion die ihr zukommende Stellung im Judentum erlangen. Der überaus geistvolle und anregende Vortrag fand bei der gut besuchten Versammlung ein lebhaftes Echo und allgemeinen ungeteilten Beifall. Königsberg i. Pr. Am U. Januar fand in dem dicht gefüllten großen Saale des Artushofs eine von der Ortsgruppe für das liberale Judentum veranstaltete öffentliche Versammlung statt, in der j)rof. Dr. Julius G o l d st e i n aus Darmstadt einen Vortrag über „Die geistige Lage der Gegenwart und das Judentum" hielt. Der Vortragende bezeichnet^ es als das geistige und religiöse Verhängnis des deutschen Judentums, 'daß die Emanzipation fast genau mit der Hochflut des Materialismus zusammenfiel. Er schilderte die Wirkungen dieser allgemeinen geistigen Lage auf das Judentum. Die geistige Lage habe seit kaum zwei Jahrzehnten eine durchgreifende Umwälzung erfahren. Redner zeigte, daß Naturwissenschaft und Philosophie, Literatur und Runst der Religion heute nicht, mehr feindlich gegenüberstehen, daß ein religiöses Sehnen in der Gegenwart lebendig sei, daß man nicht mehr alles Glück in dem Fortschritt äußerer Rultur allein suche. Religion aber könne man nicht willkürlich konstruieren, sie müsse an das Alte anknüxfen. wer das Alte nicht ohne weiteres so übernehmen könne, wie es überliefert ist — und das sei die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden — müsse eine innerliche Beziehung zu der Religion der Bibel gewinnen. Die Bibel müsse wieder lebendig sein nicht in dem Glauben, daß jedes Wort genau von Gott stamme, sondern als der unversiegliche Ouell der geistigen Gottesoffenbarung. Der Liberalismus wolle nicht ein Minimum von Religion, sondern ein Maximmn von religiösem Bewußtsein schaffen. Die Richtlinien, die er ausgestellt habe, sollen diesem Zwecke dienen. Die Anwesenden folgten den einstündigen überaus fesselnden Ausführungen mit gespanntester Aufmerksamkeit und spendeten dem Redner reichen Beifall. Es folgte ein Vortrag des Rechtsanwalts Dr. Galliner aus Berlin über die „Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum". Redner legte in großen Zügen den Inhalt und die Bedeutung der Richtlinien dar und wendete sich gegen die Verketzerungen der Liberalen durch die orthodoxen, traditionell-gesetzestreuen und mittelparteiischen Rabbiner sowie gegen die Angriffe des Zionismus, der religiös gar nicht interessiert sei. In der folgenden Diskussion suchte Herr Freund einen Gegensatz zwischen den beiden Vortragenden zu konstruieren. Er wandte sich scharf gegen Dr. Galliner und dessen Behauptung, daß der Zio-