Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 43 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Rundschau : Unna 43 Wille des Liberalismus zur Einheit und Einigkeit. Aber die ewigen Wahrheiten, vor allem die Lehre von Gott (Richtlinien II, p bildet auch einen Protest gegen andere Bekenntnisse. Sie schließt eine Trübung des reinen Gottesbegnffes durch den Trinitätsgedanken ebenso entschieden aus, wie sie die Lehren des Monismus als falsch, weil unvollständig, zeigt. Auch jene Lehre kündet die Einheit Gottes im All, aber darüber hinaus erhebt sich der Gottesbegriff zu dem Begriff einer sittlichen Persönlichkeit, d. h. Gott die höchste Einheit aller Sittlichkeit, das reine und lautere Ideal, dem wir nahezukommen suchen müssen. — Auch die Forderung der Unsterblichkeit ist eine allgemeine. Aber dennoch trennt sich hier, und mit vollem Recht, der Liberalismus von der Orthodoxie. Der Liberalismus sagt: Das geistige und sittliche vermögen des Menschen kann mit dem letzten Atemzuge nicht aufhören, eine Fortdauer muß ihm zugestanden werden. Aber über das wie derselben wissen wir nichts; alle Aeußerungen hierüber sind nur vage Vermutungen, Spiel der Phantasie. Darum hüten wir uns, Einzelheiten auszumalen: wir wissen nichts und werden nie wissen! 2. Nach der Behauptung der Grthodoxie ist Judentum etwas fertig Ueberliefertes, das vor Jahrtausenden ausgesprochen worden und für alle Zeiten bindend ist. Der Liberalismus verkündet: Judentum ist die Religion der Entwicklung. Auch diese Heiden scheinbar als unversöhnliche Gegensätze einander gegenüberstehenden Lehren können in Rebereinstimmung gebracht werden. Beide gehören zusammen, Offenbarung besteht auch für das liberale Judentum, sofern sie nicht übernatürlicher Vorgang, sondern ein inneres Erlebnis ist. Alle geniale Persönlichkeiten erfahren Offenbarungen; das wie ist jedoch selbst den Begnadeten ewig verborgen und in diesem Sinne ein Wunder. Gffenbarung in diesem Sinne fand immer statt und wird immer stattfinden, und darum wird auch die Entwicklung, d. h. Weiterbildung, nicht aufhören. Darum niuß jede Zeit das geschichtlich Gewordene aufgeben bezw. umgestalten dürfen: denn Judentum ist die Religion der Entwicklung! Das ist kein neuer Gedanke, sondern im Gegenteil ein uralter. Bittet, Rabbi Akiba, Joseph Karo im Schulchan aruch: sie alle deuteten die Gesetze im Geiste ihrer Zeit. Rnd heute müssen selbst die Orthodoxesten zugeben, daß das Judentum des Schulchan aruch nicht das Judentum der Gegenwart ist; denn auch die Religion ist ein Spiegel der Zeit und wandelt sich mit ihr. — Da das Judentum lange unter dem Einflüsse der Mystik, der kabbalistischen Anschauung stand, so sind auch zahlreiche Spuren dieses Einflusses leicht nachzuweisen. Sie alle müssen ausgeschieden werden. — Sabbat und Ehegesetze müssen erhalten werden. Das schließt jedoch nicht aus, daß auch hier Reformbedürfnisse vorliegen. Das erkennen sogar die Orthodoxe?! an, und darum ist ihr Widerstand und ihr Zorn gegen diesen Passus uni so unbegreiflicher. In Bezug auf das Zeremonialgesetz gilt als Grundsatz: Normen können nicht aufgestellt werden, es ist Sache jedes Einzelnen, sich damit auseinanderzusetzen. — Reber den Gottesdienst ist vor allem zu sagen: Kürzer, aber inniger! Wiederholungen müssen möglichst vermieden werden. Auf die weihe kommt es einzig an, keine wertlose Lippenfrömmigkeit, sondern inniger Berzensdienst! Die hebräische Gebetsprache kann aus historischen Gründen nicht schwinden: aber der Muttersprache ist im Gebet und Gesang ein breiterer Raum zu gewähren, Alles Unwahre muß schwinden. Dazu gehören auch die Wünsche, die sich auf Palästina beziehen. Es Ist nicht mehr das Land unserer Sehnsucht; nur dem Zionismus darf es als solches erscheinen! — Im Unterricht der Jugend ist festzuhalten: Nichts darf gelehrt werden, was gegen die gesicherten Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung verstößt. Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches, sondern ein ethisches Volksbuch. 2. was das Leben beiseite geschoben hat, das darf die Schule nicht mehr lehren. 3. Möglichste Vermeidung, wenigstens Ueberbrückung der Gegensätze zwischen Schule und Saus, Schule und Leben! So zeigt es sich, daß in diesen Sätzen ein klares Programm ausgesprochen ist.. Aber nicht zu Kampfeszwecken gegen Andersdenkende! (Siehe XII!). Jedoch sind die „Richtlinien" erst der Anfang des schweren Werkes. Doch dieses wird und muß gelingen, der Sieg kommt, wenn der Glaube nicht fehlt, der Glaube an die Kraft der