Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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39 Herr Ar. Mshlgernuth und die Richtlinien Herr Dr. wohlgemuth ist Zwarnicht ganz einverstanden mit den Worten seines Kleisters. Aber auch er glaubt nicht an die absolute Autorität der Thora. Tr glaubt von dieser Autorität (genau wie wir liberale — cs ist nur ein quantitativer, kein qualitativer Unterschied) nur dasjenige, was seinem verstand, Gefühl und Willen entspricht, was mit feinem wissenschaftlichen Zeitbewußtsein übereinstimmt. Ich zitiere ihn selbst: „Ts bleibt also dabei, daß wir den Bericht des Pentateuchs mit den Tatsachen der Wissenschaft auch hinsichtlich der Einzelheiten in Tinklang bringen müssen." wie? Das übernatürliche von Gott selbst auf wunderbare Weise diktierte Wort müssen Sie, Herr Dr. Wohlgemuth, mit den Tatsachen der Wissenschaft iT Übereinstimmung bringen? Wüßten Sie nicht umgekehrt die von Herrn Dr. Wohlgemuth »nd seinen 200 Genossen schleunigst nach seinem Tode noch in den Bann 511 tun ist, weil er die „ewige Verbindlichkeit der religiösen Lehr e" geleugnet hat? Der Tatbestand ist um so gravierender, als im Talmud (Synhedrin 90) die Mischna neben die Leugnung der Thora min haschomajim unmittelbar die Leugnung der Wiederbelebung der Toten (ja, daß sich dieselbe ans der Thora selbst beweisen lasse) stellt. Wie unschuldig wäre demgegenüber unsere Leugnung der Schöpsertätigleit Gottes, ans der Herr Dr. Wohlgemuth unsere Religionslosigkeit beweisen will. In Wirklichkeit aber haben die Richtlinien die Lehre von „Gott als S ch ö P f e r", soweit sie religiös wertvoll ist, in dem mit wohlbedachter Absicht gewählten Ausdruck: „G 0 11 e s k i n d s ch a s t aller Menschen" zum Ausdruck bringen wollen Das Kind ist selbstverständlich ein Geschöpf seines Vaters. Das Wort „Gott Schöpfer" ist darum vermieden, »veil die Frage der „Schöpfung aus Nichts" oder „aus vorhandenem Urstoff", die irn Talnnrd und in der jüdischen Iieligionsphilosophic eine offene ist, in den Richtlinien nicht nach der euren oder anderen Seite entschieden werden sollte. So ist denn das Gezeter des Herrn Dr. Wohlgemnth auch gegen diesen Passus ebenso ungerecht wie oberflächlich. „Und wer uns nicht verstehen kann, der lerne, besser lesen," möchten wir ihm in's Albnni schreiben.' Tatsachen der Wissenschaft, wie der Herr Pastor Rnak, mit bem majestätischen Gotteswort in Uebereinstimmung bringen? Ihre Harmonisierungsversuche zwischen „Gotteswort" und „Wissenschaft" sind entrveder ein Hohn auf die Wissenschaft, die Sie knebeln und irt einen Käfig sperren, oder Sie sind ein Leugner der göttlichen Autorität. Sie lassen den Buchstaben stehen, aber pressen I h r e n S i n n in den Buchstaben hinein. Sie beugen sich vor dem Wort, aber komplimentieren den buchstäblichen Sinn aus dem Wort heraus. So ist Ihre Wissenschaft eine Käfigwis s en s chaft und Ihr Dogma eine po|'e; beides nicht aus innerer Seelentiotwendigkeit geboren urid darum beides innerlich unwahr; erfunden oder überkommetl als äußerliche Stütze Ihres orthodoxen Systems, als religionswissenschaftliche Theorie für „die ewige Verbindlichkeit des schriftlicher! und mündlichen Gesetzes." Und nun wagen Sie es noch, mich mit den Worten zu apostrophieren: (In Bezug auf meine Behaupturig, daß in der Tat eine unwesentli ch e dogmatische Verschiedenheit und eine Verschiedenheit in der Lebensführung zwischerr uns und der Orthodoxie bestehe) nehmen wir, trotzdem. er, so fein abtönerrd, vor: einer Verschiedenheit in der Leberrsführung, aber von einer „unwesentlichen dogmatischen Verschiedenheit" spricht, zur Entschuldigung des Generalreferenterr an, daß ihn, den wir als Dichter kennen urrd schätzen, platos göttlicher Wahnsinn erfaßt hat. Sonst müßten wir ihrr der Unaufrichtigkeit oder unverzeihlichen Torheit beschuldigen. Der abgrundtiefe Abstand zwischen der dogmatischen Grundlage des gesetzestreuen Judentums und der des liberalen muß ihm . . . zum Bewußtsein gekommen sein." Auf welcher Seite liegt nach unseren Ausführungen nun die Unaufrichtigkeit oder die u n v e r z e i h l i ch e Torheit? Itl