Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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O 3 Ö 3 35 Herr Ar. Mshlgemuth und dir RichlUnien nisvolles Zwischenwesen angenommen wird, nennen wir in unseren Richtlinien: „Glaubensvorstellungen, welche die ^Reinheit der jüdischen Gotteslehre trüben." Ist das Zudenchristentum oder Kaväcutum? Um Antwort wird gebeten. Und dabei ist durch die in erster Linie in Betracht kommenden Sinai-Gesetzgebung, bei der (selbst nach Ulaimonides) das übernatürliche Wunder der Offenbarung zu Tage trat, durchaus nichts neues, was das Wunder rechtfertigte, geoffenbart worden. Alle zehn Gebote, selbst der Sabbat, rvaren schon vorher bekannt und geübt. Wozu also die gezwungene Theorie? ^vero §oreres awero eine getrübte Vorstellung zieht die andere nach sich. Mit der orthodoxen Auffassung des Dffenbarungsaktes hängt aufs engste zusammen die orthodoxe Stellung zur ' Bibel, beziehungsweise zur Thora. „Thora min haschomajim, die vom Bimmel heruntergekommene Lehre", oder vielmehr nach der orthodoxen Uebersetzung: „das vom Fimmel heruntergekommene Religionsgesetz" ist das aus der scholastischen Ausdrucksweise des Mittelalters übernommene Schlagwort, mit Dem der reinste Götzenkult getrieben wird. Das Wort ist im Munde der modernen Orthodoxie die unerhörteste Verdunkelung aller Rlarheit und Wahrheit, aller Geschichte und Wissenschaft, das Wort ist ein jDopanz, mit welchem der Liberalismus zum Retzer gemacht wird. Das Wort ist. ein ganzes System. Ts ist die conditio sine qua non, die theoretische Stütze der ganzen Orthodoxie. Mit -diesem Wort stülpt sich und 'der urteilslosen Masse die Orthodoxie eine Rappe ins Gesicht, um im Nebel zu tappen, und so ist es freilich verständlich, warum es diese geheimnisvoll suggestive Macht ausübt. Stelle dich in Volksversammlungen als Redner auf die Tribüne und schreie in die Massen hinein: „Die Liberalen sind Thoraleugner, ske glauben nicht an Thora min haschomajim, und das Wort tut seine Wirkung, wie wenn du riefest: Diebe! Mörder! Suchen wir das fürchterliche, schleier- ■ Hafte, anspruchsvolle Ding einmal zu fassen. Leicht ist es nicht. Ts ist aalglatt und schlüpft aus den Sänden, so wie man es fassen will. „THauroH" sagen sie, und meinen damit nicht die Sinailehre, nicht die Thora Mose's, sondern die Mischna und Gemara, die Gutachten der Gaonim und die Distinktionen der Rabbinen in Afrika und Spanien, in Frankreich und Italien, in Deutschland und j)olen, meinen damit die dickleibigen Ritualbände mit ihren tausenden und abertausenden von Paragraphen und Hinzufügungen zu den Paragraphen bis zum heutigen Tage. An sich wäre das ja ein echt-liberaler Gedanke, zu dem wir uns gern bekennen: Alles aus religiös-jüdischer Seele Hervorgegangene ist in gewissem Sinne Thora oder Offenbarung. Die Offenbarung hat eine Entwicklung, eine Geschichte. „Jedes Geschlecht hat den Glauben der Väter in den ihm eigentümlichen religiösen Vorstellungen und Ausdrucksformen sich zu eigen gemacht." Diese geschichtliche Entwicklung ist es, „kraft deren jede Zeit im Judentum das Recht und die Pflicht hat, bei w a h r u n g seines wesentlichen Gehaltes geschichtlich bedingte Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen aufzugeben, fortzubilden oder neue zu schaffen" (Richtlinien). Allein, so ist es im orthodoxen System nicht gemeint. Sondern alle alten Gewohnheiten und Einrichtungen, alle Bräuche und Formen die in den Jahrtausenden von irgendwem, irgendwo und irgendwann eingeführt wurden — und wären sie aus dem krassesten Aberglauben der Rabbala entstanden, wurden wie in einem Riesennetz aufbewahrt