Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Herr Ar. Wohlgemut!) und die Richtlinien Der Glaube an göttliche Offenbarung ist so sehr der Lebensgrund aller Religion, das; jede Religion steht und fällt mit dem Glauben an Offenbarung. Wer den Begriff „Offenbarung" ausschaltet, hat die Religion von ihrem lebendigen Urquell abgeschnitten, hat sie ihres Zusammenhangs mit einer jenseitigen Wirklichkeit beraubt. Offenbarung ist das alleinige Ulittel, wodurch wir von Gort und Gottes Willen wunderbare Runde empfangen. Za! Die Tatsache der Offenbarung ist ein Wunder, Aber ein Wunder, das nicht einmal war, sondern noch immer ist. Gott ist die ewig lebendige Ouelle, die noch heute eingehen will in jedes Gefäß, das bereit und befähigt ist, ihn in sich aufzunehmen. Denn die Offenbarung ist nicht ans ein Buch, auf ein Zeitalter, auf ein Volk beschränkt. „Wie Gott den Israeliten Propheten erstehen ließ, ließ er solche auch den Völkern der Welt erstehen" (Llidrasob rabbä Bemidbar Par. XX Anfang). Wie er sich in den Zeiten Ulose's offenbart hat, so offenbarte er sich in den Zeiten des Talmuds.*) Oder hätte der Allgegenwärtige sich zurückgezogen seit den Tagen Ulose's und der Propheten? Gab es nur in der Vergangenheit Laicht, und die Gegenwart müßte in Finsternis wandeln? Ist der Gott der Bibel tot? Oder- Hat er seine Ratur verändert, daß er sich heute nicht nrehr offenbaren könnte oderoffenbaren wollte? Gewiß! Unser Gffenbarungsglaube unterscheidet sich von dem orthodoxen Offenbarungsglauben. Aber nicht im Wesen, sondern in der Ulethode, nicht inbezug auf die Tatsache, sondern inbezug auf die Form. Wer uns darum, wie die orthodoxen (in diesem Falle rächt „gesetzestreu, sondern „orthodox"!) Rabbiner in ihren siehe die tiefsinnige Hagada im Talmud babli Menachoth 39b; ib. Berachoth 5a; Megilla 19b; ferner Midrasch Schocher tob zu Psalm 78, 1; Talmud jer. Chagiga 76 b u. a. St. Ketzerbullen nachsagt: „die Richtlinien leugnen den göttlichen Ursprung der Lehr e", den zeihen wir vor Gott urrd vor der Geschichte der objektiv falschen Aussage. Was wir leugnen, das ist die sogenannte Verbalinspiration, die äußerlich vernehrnbare, übernatürliche, einmalige Gotteskundgebung. Aber welcher Glaube ist größer, reiner, lebendiger und vor allem religiöser? Der Glaube, der an eine Offenbarung von Geist zu Geist und an ein Fortwirken der Offenbarung auch in unseren Tagen glaubt, oder derjenige, der die göttliche Offenbarung abgeschlossen und niedergelegt glaubt in einer Zeit, in einer Sprache, in einem Buche-'). Uat der reingeistige Gott wirklich mit menschlicher 'Stimme und mit menschlichem Wort gesprochen? Nur ein Körper, oder Jemand, der körperliche Formen, -körperliche Organe hat, kann sprechen oder , gehört werden. Gott ist reingeistig, das heißt er ist unsichtbar und unhörbar. Weil das unsere Alten einsahen, halfen sie sich mit einer Kol niwro, mit einer zum Zwecke seiner Offenbarung eigens von Gott geschaffenen Stimme. Allein abgesehen davon, daß wenn die geschaffene Stimme sprach, Gott nicht mehr wirklich sprach und somit die Thora min haschomajim schon nicht mehr wörtlich aufgefaßt wird, substituiert hier die Ulystik einen Vermittler zwischen Geist und Fleisch — ein gefährliches Unterfangen, woraus zu gelegener Stunde der Logos und der heilige Geist hervorgegangen ist. Solche Glaubensvorstellungen, sei es, daß Gott ein körperliches Sprechen beigelegt wird (Verbalinspiration), sei es, daß ein geheim- 5) siehe Mechilta Jitro: hakol jozo wenechelak lescliiwim leschonos die Gottesstimme erscholl' zugleich in siebzig Sprachen; ferner ibidem: wajehi kolos kole kolos meselnmnim se miseli zu jedem redete die Stimme Gottes anders.