Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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0.0 o o Herr Ar. Mohlgrnmth und dir Richtlinien 33 er alle Beziehungen zu ihr abbreche, aber dennoch jedem, der von der Lösung der Ehe sprach, entgegenrief: „Mas mich betrifft, ich will und werde mich nicht scheiden!" O weh, lieber Herr Dr.! Das Gleichnis hätten Sie nicht wählen dürfen! Sie haben lvirklich j)ech mit ihren unglückseligen Gleichnissen. Denn — Sie entscheiden doch hoffentlich nicht nach den Richtlinien in eherechtlichen Fragen? Oder doch? Denn wenn Sie nach dem orthodoxen „die Reinheit der jüdischen Familie" schützenden Ldeu hoeser entscheiden, dann darf doch der Mann der Frau das Hans zur Hölle machen, ihr das Leben bedrohen, ja öffentlich erklären, daß er alle Beziehungen zu ihr abbreche, aber dennoch braucht er der Frau keinen Scheidebrief zu geben, und kein jüdisches Lesäin der Welt kann ihn Heute dazu zwingen. Also ist es doch nichts mit der Ehescheidung zwischen orthodox und liberal? Aber ich schenke Ihnen das falsche Bild; quandoque bonus dormitat Homerus. Jedoch wie steht es mit der Sache? wagen Sie in Wirklichkeit zu behaupten, wir Liberalen machen den Orthodoxen oder wie Sie sich lieber nennen hören, den Gesetzestreuen, das Leben (oder das Judentum) zur Hölle, wir bedrohen ihr Dasein, wir hätten öffentlich erklärt, daß wir alle Beziehungen zu ihnen abbrechen? wir? Ach, unsere liebe Frau „Gesetzestreu" ist so nervös, daß wir sie viele Jahre lang nur mit seidenen Handschuhen zu berühren wagten, daß wir auf Socken gingen, um bei ihr keine Angstzustände hervorzurufen. Die Orthodoxie lebt in beständiger Angst, verletzt zu werden, sie fühlt sich verpflichtet, ihren Standpunkt mit Heftigkeit zu wahren, wo er gar nicht angegriffen war, sie ist jeden Augenblick auf dem qui vive, sich zu entrüsten. Sie sucht, wo nichts zu finden ist, sie ist voll Mißtrauen, die keine bona fides bei dem Anderen voraussetzt. Diese Nervosität wäre eine Schwäche zu nennen, wenn sie nicht umgekehrt gerade die größte Stärke der Orthodoxie wäre. Denn eine Schwäche, der man nachgibt und immer wieder schonend nachgibt, nur um des lieben Friedens willen, wird zur unerträglichen Tyrannei, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann. Ein Vergnügen ist es darum wahrlich nicht, das gestehe ich Ihnen offen zu, gegen Ihren willen, unsere Zusammengehörigkeit mit Ihnen und damit die Einheit des Judentums zu bewahren. Aber ein überwältigendes Pflichtgefühl läßt uns trotz alledem und alledem an der Einheit festhalten. wir erinnern uns und — Sie an das Wort des Abba Saul im talmudischen Traktat Derech erez sutta: „Die Zwietracht der rabbinischen Schulen zerstört die Welt." Wie verhält es sich nun aber mit der von Ihnen so dick unterstrichenen Divergenz zwischen uns, mit der abgrundtiefen Verschiedenheit auf dogmatischem Gebiet inbezug auf den Glauben an die göttliche Autorität des Pentateuchs? Da Sie mein Generalreferat so genau gelesen haben und in demselben den authentischen Kommentar zu den Richtlinien erblicken, so müssen Sie wissen, daß dort die heilige Schrift (nicht nur der Pentateuch) um ihres ewig-göttlichen Inhalts willen als OffenbarungsurKundr*) Kat oxoebou bezeichnet ist. Sie müssen ferner dort gelesen haben, daß uns die prophetische Offenbarung der Bibel „maßgebende religiöse Autorität" ist. 3) In den Richtlinien ist das Wort Offenbarung" (das will ich Herrn Dr? Wohlgemuth aus den Debatten verraten) nur darum vermieden, weil unter ,F)ffendarungsglauben" zu leicht Glaube an „Berbalinspiration" verstanden werden kann.