Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Rundschau: Nybnik, Fandsdrrg a. M. sie wiederspiegeln, sie brachten seit Jahrzehnten zum ersten Male wieder religiöse Forderungen weiten Kreisen des deutschen Judentums nahe und wiesen so über das Gebiet des politischen und Sozialen hinaus. Sie betonen die ewigen gedanklichen Grundlagen des Judentums energisch, um die Ueberzeugung von her Notwendigkeit, diese Gedanken in der Welt und der Menschheit durchzusetzen, zu festigen, geben dem Zeremoniellen sein Recht und seine Bedeutung und bergen eine Fülle der Zukunftsaufgaben und Lntwicklungsmöglichkeiten in sich. Redner erörtert diese Gedanken an der Hand der einzelnen Sätze der Richtlinien. An den belehrenden, schönen Vortrag, der von der großen Zuhörerschar mit großem Beifall ausgenommen wurde, schloß sich eine kurze Diskussion. Die Arbeit im Sinne der Richtlinien wird seitens der Ortsgruppe mit der Aussicht auf guten Erfolg ausgenommen werden können. Am % Januar sprach 'Dr. Dienemann- Ratibor in der Ortsgruppe der Vereinigung RybniK» O.-S. Auch dieser Vortrag wurde von der zahlreich besuchten Versammlung mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Landsberg a. W., im Dez. \%2. Am 2H. Nov. v. Is. hatte die hiesige Ortsgruppe der liberalen Vereinigung die erste öffentliche Versammlung abgehalten, zu welcher alle Mitglieder der Synagogengemeinde eingeladen wurden. Herr Rabb. Dr. Blumenthal aus Berlin war so liebenswürdig, das Referat über „Die Richtlinien des liberalen Judentums" zu übernehmen. — Nachdem Rabb. Dr. Elsaß die zahlreich Erschienenen begrüßt und in einigen orientierenden Worten auf die Bedeutung der Tatsache hingewiesen, daß 65 Rollegen sich auf ein liberales positives Programm geeinigt hätten, um den Mitgliedern der liberalen Vereinigung „Richtlinien" für bas religiöse Lieben zu bieten, ergriff das Wort Referent, dessen klare und eindringlichen Ausführungen von tiefer, nachhaltiger Wirkung auf die Versammelten waren. Er betonte, daß es den liberalen Rabbinern fern läge, die Orthodoxen und Gesetzestreuen anzugreifen. Wer mit Gläubigkeit den Forderungen der gesetzestreuen Richtung Nachkomme, dem gebühre alle Achtung. Doch gelte es, um der Gleichgültigkeit und der Entfremdung entgegenzuwirken, der großen Mehrzahl der Juden, die unter den heutigen Zeitverhältnissen nicht in der Lage sind, den ganzen Komplex der religiösen Bestimmungen, die der Schulchan Aruch kodifizierte, immer zu halten, die Möglichkeit zu bieten, sich als treue und volle Anhänger des Judentums zu fühlen. Dazu ist der Liberalismus berufen, der fo alt wre das Judentum ist, da schon seit den ältesten Zeiten verschiedene religiöse Richtungen innerhalb der Gemeinschaft nachzuweisen sind. Was im Wandel der Zeiten das Bleibende und wesentliche ist, sei vor allem festzuhalten. Was die Juden aller Zeiten und Richtungen einte, das sind die unwandelbaren religiösen Wahrheiten und sittlichen Grundgebote. Diese werden von den „Richtlinien" in den Vordergrund gestellt, in denen in programmatischer Kürze die Lehre von (Sott, die Würde des Menschen und die Aufgabe und Zukunstshoffnung Israels umschrieben sind. Das Judentum sei keine bloße ethische Gesellschaft, sondern will durch den Glauben an den einzigen, heiligen Gott das Leben seiner Bekenner weihen und durchdringen. Sollen jedoch diese sittlichen und religiösen Grundwahrheiten im Gemüte wurzeln und die Anhänglichkeit wecken, so müssen sie in sinnlichen Symbolen und Erscheinungsformen zum Ausdruck kommen, wahres religiöses Leben muß nach Ausdrucksformen ringen. Aus der Fülle der Zeremonien, die im Laufe der Zeiten entstanden sind, sind die wesentlichen und Dedeutsamen, die das Gemüt erheben, aufrechtzuerhalten, während jene Gebräuche, die inhaltsleer geworden oder gar vom Aberglauben diktiert sind, schwinden mögen. Das liberale Judentum strebe an, die Anforderungen des Lebens mit den Forderungen der Religion zin Einklang zu bringen. Doch kann und muß gefordert werden, daß trotz der wirtschaftlichen Kämpfe die Weihe der Sabbathe und Feste ins Haus getragen werde. Es sei jedem möglich, den Freitag Abend, den Szeder, in der Familie zu begehen, oder die Thanuckalichter zu entzünden, und so mögen alle Momente des religiösen Lebens im Hause ihre