Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
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Rundschau: Nürnberg, Oppeln 21 scheu, Liberalismus ein festes Programm gegeben haben. Alsdann ergriff Rabbiner Dr. Freudenthal zum Bericht über die Richtlinien das Wort, um deren Entstehung, Inhalt und rechte Wirkung zu kennzeichnen. Er führte aus, daß die Zusammenfassung programmatischer Richtlinien für die liberale Bewegung mit Notwendigkeit aus der Zeit selber herausgewachsen sei und daß die gegnerische Behauptung, man habe damit die liberale Willkür theologisch autorisieren wollen, ein so krasses Mißverstehen bedeute, daß man es oft kaum noch 'für ehrlich halten könne; gerade Umgekehrt hätten die liberalen Rabbiner freudig den Ruf nach einem Programm benutzt, um die starken positiven Forderungen des religiösen Liberalismus festzulegen. Der Redner legte alsdann in prägnanter Weise den Inhalt der Richtlinien dar und wandte sich zuletzt der eigentümlichen Wirkung zu, welche die Richtlinien bei den Gegnern sowohl in persönlichen Denunziationen, als auch in den Interdikten der orthodoxen Rabbiner hervorgerufen haben. Mit wuchtigen Worten lehnte er die Aufrichtung eines Rirchentribunals von seiten der letzteren zur Untersuchung der Rechtgläubigkeit im Judentum ab. Niemandem im Judentum stehe das Recht zu, irgend einen ordnungsgemäß ordinierten, von einer Gemeinde berufenen und von der Staatsbehörde bestätigten Rabbiner als nicht befugt zu religiösen Entscheidungen zu erklären; niemandem stehe das Recht zu, eine Gemeinde, welche religiöse Institutionen, besonders Gottesdienst und Religionsunterricht, erhalte, als außerhalb des Judentums stehend, zu bezeichnen, weil ihre Mitglieder nicht orthodox seien, niemandem endlich stehe das Recht zu, einem Juden, der durch 'Geburt Jude sei und durch Bekenntnis es sein wolle, erst nach Prüfung seiner Abstammung und seiner Parteirichtung das Judentum zu- oder abzusprechen. Gegen solche unerhörte Inquisition im Judentums müsse nicht bloß jeder liberale, sondern überhaupt jeder gutgesinnte Jude mit aller Rraft sich zur Wehr setzen. Ganz besonders verurteilte der Redner noch die Denunziation, die in der Behauptung liege, der nicht orthodoxe Religionsunterricht sei. eine Gefahr "für die, jüdische Jugend; der Geist der Unduldsamkeit, der aus den bekannten Erklärungen spreche, sei eine viel größere Gefahr für die jüdische Jugend, als die Forderungen, welche die Richtlinien für den Religionsunterricht aufstellen und die in der Vereinigung von Liebe zum Glauben, zum Vaterland und zu den Menschen gipfeln. Die von häufigen Zustimmungsrufen unterbrochenen eindrucksvollen Worten klangen in die Mahnung aus, sich mannhaft gegen jede Verketzerung zu wehren und sich ebenso opferwillig für jene drei Ziele des liberalen Judentums einzusetzen. Stürmischer, immer wieder einsetzender Beifall gab von der einmütigen Zustimmung der Versammlung Runde, die unter Verzicht auf jede Diskussion unter dem nachhaltigen Eindruck der beiden Referate von dem Vorsitzenden mit Dankesworten an die Versammlung und einem nochmaligen Aufruf treu zur liberalen Sache des Judentums und ihren bewährten Führern zu stehen, geschlossen, wurde. Oppeln. Am Donnerstag, den 2\. November hatte die hiesige Ortsgruppe die jüdische Bevölkerung zu einem Vortrage eingeladen, in welchem sich Herr Dr. Dienemann-Ratibor in vornehmer und außerordentlich fesselnder Weise über die Ergebnisse der pofener Tagung und die Wichtigkeit der Richtlinien ausließ. Redner führte aus, daß die Bedeutung der Richtlinien in ihrer glücklichen Vereinigung von Bindung und Freiheit liege, sie brächten den Willen zum Ausdruck, sich 'selbst die Bindung aufzuerlegen, die notwendig ist, um zur frommen Tat und zum Zusammenhang mit dem geschichtlich Gewordenen zu gelangen, und seien doch auch 'kein starres Gesetz und beließen der Einzelpersönlichkeit die religiöse Selbständigkeit und die schöpferische Rraft. Sie seien das Zeugnis eines gemeinsamen Willens, da sie von einer Anzahl gleichgerichteter Rabbiner aufgestellt und als Gesamtwille des liberalen Judentums gedacht seien, während bei der religiösen Auseinandersetzung des vorigen Jahrhunderts alles Einzelforderung und Einzelwille geblieben sei. Ihre Bedeutung beruhe vornehmlich auf dem Willen zum positiven, den