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Liberales Judentum · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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20 Rundschau: Sielefeld, Nürnberg Das Judentum ist nicht kirchlich. Die Kirche zwingt ihre Bekenner zu ihrem Glauben. Im Judentum glaubt Jeder seinen Glauben, jeder das, wovon er überzeugt ist. Wie jeder sich zu den einzelnen zeremoniellen Religionsvorschriften stellt, mag er mit seinem Gewissen ausmachen. Rur: aus Lässigkeit und Eigennutz dürfen wir keine überlieferten Formen und Bräuche preisgeben, was wir tun, sei das Werk ernster Prüfung und Lleberlegung.- Das Judentum, wie wir es auffassen, ist eine ideale Religion, was kann es Schöneres für uns geben, als auszuhalten in unserm Glauben! Trotz Sturm und Not. Im Kampf die Brüder zu verlassen, ist unwürdig, welke Blätter fallen an jedem Baum — aber es find eben welke Blätter. Das Judentum entwickelt sich und erneuert sich immer. aus sich selbst heraus. Es war da vor allen Religionen und wird bleiben bis in alle .Zeit!" — Herzlicher Beifall wurde den Worten Iustizrat Breslauers zuteil. — In einem zweiten Referat erörterte Herr Rabbiner Dr. Toblenz alsdann die Richtlinien zum Programm für das liberale Judentum. Nach einem kurzen Ueberblick über die Entstehungsgeschichte der „Richtlinien" betont er zunächst ihre Bedeutung für die jüdischen Theologen, während bis jetzt der Rabbiner nur seine persönliche Meinung vertreten konnte, findet er jetzt Unterstützung und Autorität durch die Unterschrift 65 liberaler Rabbiner. — Herr Dr. Loblenz erklärt alsdann, er glaube denen, die ihn kennen, eine Erklärung darüber schuldig zu sein, daß er die „Richtlinien" mit unterzeichnet habe. Tatsächlich decken sie sich in vieler Beziehung nicht mit seinem religiösen Standpunkt. Zwar, die Punkte I bis VIII hätte auch er bedingungslos unterschreiben können. Aber die folgenden Sätze der „Richtlinien" forderten vielfach zum Widerspruch heraus. Das „Unerläßlich" in Punkt IX sei für den wahrhaft liberalen Juden eine Unmöglichkeit. Er weift das an einzelnen Beispielen nach. Wenn Herr Dr. Loblenz die „Richtlinien" dennoch unterschrieben hat, so tat er es deshalb, weil.das Opfer der Ueb erzeugung, das er persönlich hat bringen müssen, ausgewogen und übertroffen wird durch den idLalon Gewinn, den die Richtlinien b e d-e-wt e n. Sie sind ein gewichtiges Kulturdokument; in Verbindung mit d.er in Posen gefaßten Resolution bedeuten sie eine große jüdische Tat. Der Redner erhofft von ihnen eine gesunde, kraftvolle Weiterentwickelung des jüdischen Liberalismus. — Durch lauten Beifall ward auch Herrn Dr. Loblenz das Einverständnis der großen Versammlung bestätigt. — Eine kurze Diskussion, in der noch einige Anfragen erledigt wurden, beschloß die glänzend verlaufene Veranstaltung, die von neuem, den Beweis erbrachte, daß im Ravensberger Lande nur ein liberales Judentum Lebensmöglichkeit findet. Zum Schluß stattete der Vorsitzende der Bielefelder Ortsgruppe, Herr Julius weiß, den beiden Rednern den Dank.der großen Versammlung ab. — Als äußerer Erfolg der Versammlung darf die Tatsache gelten,, daß der Ortsgruppe Bielefeld 50 neue Mitglieder beitraten. Nürnberg. Am 25. Nov. v. I. fand hier die ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins für die Interessen des liberalen Judentums statt, die so überfüllt wär, daß viele Teilnehmer keine Plätze mehr finden konnten. Nach Erstattung des Kassenberichts und Vollzug der durch Akklamation vorgenommenen Ausschußwahlen, gab der Vorsitzende, Schuldirektor Gombrich, den Bericht über d as abgelaufene Vereinsjahr. Nach warmen Nachrufen auf die verstorbenen beiden eifrig tättgen Mitglieder, Oberarzt Dr. Neuberger und Kommerzienrat Gällinger, berichtete er über die im Verein abgehaltenen Vorträge und über die Arbeit im Dienste der liberalen Sache. Er forderte zu weiterer eifriger Betätigung und besonders zur Heranziehung der schulentwachsenen Jugend auf, um deren oft unwürdige Interessenlosigkeit zu beseitigen. Zum Schlüsse gab der Referent ein außerordentlich Interessantes Bild der Delegiertenversammlung in Posen und schilderte die tiefen, unvergeßlichen Eindrücke, die sowohl die Delegiertenversammlung, als auch die öffentliche Versammlung auf alle Anwesenden hervorgerufen habe. Unter großem Beifall schloß er mit dem feurigen Appell, treu zu den Führern der liberalen Bewegung, besonders zu den Rabbinern, zu stehen, welche in den Richtlinien zum ersten Mal dem jüdi-

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