Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126558-3126560--1350-3128160- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o o Rundschau: Sielefeld 19 Sielefeld, den 20. November \ty\2. Die Ortsgruppe Bielefeld der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" veranstaltete am Bußtag eine große Propaganda- Versammlung, für die der verehrte Vorsitzende der Vereinigung, Herr Justiz rat Breslauer aus Berlin, in liebenswürdiger Weise den Hauptvortrag übernommen hatte. Der ,Name des Referenten hatte genügt, den großen Saal des „Konzerthauses" bis auf den letzten Matz zu füllen; etwa 600 Zuhörer, darunter viele aus der näheren und weiteren Umgebung Bielefelds, lauschten in freudiger Begeisterung den jugendfrischen Worten des Redners. Herr Iustizrat Breslauer hatte sich als Thema gewählt „Ul ein jüdischliberales Glaube nsbekenntnis". Im folgenden sollen die reichen und tiefen Gedanken des Redners nur kurz skizziert werden. — „W a s ist das Judentum?" — Es kann nicht geleugnet werden, daß früher eine jüdische Nation bestanden hat. 'Aber das Volk, die Nation, ist geschwunden, und das Judentum ist geblieben. Das Judentum ward in enge Ghettomauern gezwängt; die fortschreitende Kultur sprengte das Ghetto:, das Judentum ist geblieben. Der Antisemitismus kam Mr Herrschaft; aber auch seine Zeit ist dahin — das Judentum ist geblieben. Woher schöpft es seine unverwüstliche Lebenskraft? Das Judentum ist nicht Nation, nicht Volk — es, ist die jüdische Religion. Wir wollen kein bloßes Trotzjudentum; denn ein solches schafft keine positiven religiösen Werte. Wir wollen auch kein Ghetto-Judentum: wir wollen Deutsche sein und — Juden bleiben! Wir 'verachten das Ghetto- Judentum nicht, aber seine Zeit ist gewesen. Was es Gutes geschaffen ,wollen wir gerne anerkennen, erhalten und auch chei uns pflegen: das jüdische Familienleben, seine Innigkeit und Weihe, die Begeisterungsfähigkeit für das Große und Edle. Wir wollen nicht nationales, sondern religiöses Judentum. — Man sagt wohl: der Wille zum Judentum genügt, um Jude zu sein. Aber dieser Wille muß auf religiöser Ueberzeugung beruhen. — Das Judentum ist ebensosehr V e r st a n d e s - wie G emütsreligion. Die jüdische Religion hat nie der Wissenschaft oder den Fortschritten der Kultur widerstrebt. Das Judentum ging mit der Kultur, denn es ist entwickelungsfähig. Selbst unsere Orthodoxie kann die ständige und lebendige Fortentwickelung nicht leugnen; ihre Anhänger nennen sich Harum auch nur konservativ, gesetzestreu-orthodox; starr, unabänderlich ist auch ihre Auffassung des Judentums nicht. ' Das Judentum befindet sich in beständigem Fluß — es ist gewordene und immer noch werdende.Religion. — — Was ist uns Liberalen die jüdische Religion? Wir kennen keine Dogmen; nur einzelne unumstößliche Grundwahrheiten: I. Der Glaube an den -einig-einzigen Gott, der sittliche Monotheismus ist Wesen und Inhalt des Judentums. Zu diesem Monotheismus haben die andern Religionen sich bekehren müssen. II. „Liebe Deinen Nächsten wie D i ch j e l b ft!" Denn er ist wie du im Ebenbilde Gottes geschaffen. Du bist nicht besser als er; du gleichst ihm in deinen Vorzügen, wie in deinen Schwächen. — Darum liebe ihn wie dich selbst. — III. D u sollst die Versöhnung mit deinem Gotte in dir selbst finden. Wir brauchen keinen Vermittler. Wir sind Menschen und handeln menschlich, das heißt, fehlerhaft. Aber wir haben auch in uns die Kraft, uns mit unserem Gotte zu versöhnen — nicht nur etwa an dem einen Versöhnungstage, nein, tagtäglich, in jeder ruhigen Stunde der Sammlung und Selbstkritik. So oft wir innerlich an uns selber arbeiten in ernster Selbsterkenntnis, suchen und finden wir die Versöhnung mit unserem Gott. IV. Du bist für d i e ses L eb en da, nicht für das Jenseits! Es hat auch'bei uns nicht an Leuten gefehlt, die das Erdenleben als eine Wanderung durch das Jammertal hinstellten. Rnd man hat auch uns das Jenseits als das Höchste ausgemalt. Aber wir sind für dieses Leben da. Das Leben ist schön, wenn es mit der Religion verknüpft wird. Darum arbeite jetzt an dir; sei jetzt gut, sei jetzt hilfsbereit, gedenke jetzt des Nächsten! V. Das Judentum ist Menschheitsreligion, eine Religion der Zukunft für alle Menschen. Wir hoffen auf eine Zeit, da alle Menschen sich in Liebe einen werden, wo zwischen Volk und Volk, Stand und Stand, Glauben und Glauben kein Unterschied mehr gemacht wird, wo alle gleich sind vor dem einig-einzigen Gott.